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Geschlechterrollen im Bilderbuch: Was die Zahlen sagen

9 Min. Lesezeit5 Quellen

Gouache-Illustration mit mehreren Figuren einer Kinderbuchszene

Über Geschlechterrollen in Kinderbüchern wird viel behauptet und selten gezählt. Dabei gibt es Zählungen – große sogar, und sie liefern ein Ergebnis, das man so nicht erwartet.

Die internationale Forschung findet seit Jahrzehnten eine männliche Überzahl. Eine deutsche Untersuchung von 6.117 Figuren aus Büchern, die tatsächlich in Kitas im Einsatz waren, findet das Gegenteil: 53 Prozent weibliche Figuren.

Und trotzdem stimmt beides. Denn der Unterschied liegt nicht in der Zahl der Figuren, sondern in dem, was sie tun.

Hintergrund

Die wichtigsten Zahlen

  • International nähert sich das Verhältnis der Parität. Eine Auswertung von 3.280 Kinderbüchern aus 60 Jahren findet für 2010–2020 ein Verhältnis von 1,22 zu 1 zugunsten männlicher Hauptfiguren – in den letzten fünf Jahren der Stichprobe nur noch 1,12 zu 1.
  • Bei Tierfiguren bleibt die Schieflage groß: Fiktion mit menschlichen Figuren liegt bei 0,95 zu 1 – also praktisch ausgeglichen. Fiktion mit nicht-menschlichen Figuren bei 3,09 zu 1.
  • Das Geschlecht der schreibenden Person ist der stärkste Einzelfaktor. Bücher männlicher Autoren zeigen ein Verhältnis von 2,95 zu 1 bei menschlichen und 4,19 zu 1 bei nicht-menschlichen Figuren. Bücher von Autorinnen liegen bei 0,75 zu 1.
  • In deutschen Kita-Büchern sind weibliche Figuren in der Mehrheit: 53 Prozent von 6.117 gezählten Figuren, handlungsleitend in 43,8 Prozent der Bücher gegenüber 32,2 Prozent männlich.
  • Der Inhalt bleibt trotzdem stereotyp: Männliche Figuren werden rund achtmal häufiger berufstätig als fürsorglich gezeigt – weibliche Protagonistinnen achtmal häufiger im Haushalt als im Beruf.
Der Befund

Warum beide Studien recht haben

Die deutsche Untersuchung von Lars Burghardt und Florian Cristobal Klenk hat etwas getan, was selten gemacht wird: Sie hat nicht preisgekrönte oder bestseller-gelistete Bücher analysiert, sondern die Bücher, die tatsächlich im Regal standen – 133 Titel aus 15 Kindertagesstätten im Großraum Bamberg, 6.117 einzeln kodierte Figuren.

Das Ergebnis bei der bloßen Anzahl: 53 Prozent weiblich, 47 Prozent männlich. Und bei der handlungsleitenden Figur sogar 43,8 zu 32,2 Prozent zugunsten weiblicher Figuren. Das widerspricht der US-Forschung deutlich.

Dann wird es interessant. Dieselbe Studie hat ausgezählt, was die Figuren tun:

Kleidung: Weibliche Figuren werden 2,7-mal häufiger in typischer als in untypischer Kleidung dargestellt.
Mut und Angst: Weibliche Figuren mehr als doppelt so häufig ängstlich oder schwach statt mutig oder stark.
Beruf und Haushalt: Männliche Figuren rund achtmal häufiger berufstätig als fürsorglich; weibliche Protagonistinnen achtmal häufiger im Haushalt als im Beruf.
Kontext: Männliche Figuren häufiger in Mathematik und Technik, weibliche häufiger in Sprache und Kunst.

Die Zahl hat sich also angeglichen, die Rolle nicht. Wer nur zählt, sieht Fortschritt – wer hinschaut, sieht die alten Muster.

Ein weiterer Befund derselben Studie: Es gab keinen statistischen Zusammenhang zwischen Erscheinungsjahr und Geschlechterverteilung über die Jahrzehnte 1950 bis 2014. Keine Verbesserung, keine Verschlechterung.

Auffällig

Ein Befund, der in keiner Liste steht

Burghardt und Klenk haben die 133 Bücher auch daraufhin angesehen, welche Familienformen vorkommen. Das Ergebnis in einem Satz:

In keinem einzigen der 133 Bücher kam eine andere Beziehungsform vor als die heterosexuelle Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kind. Keine gleichgeschlechtlichen Paare, keine alleinerziehenden Konstellationen als Normalfall, keine Patchwork-Struktur, keine trans* oder intergeschlechtlichen Personen.

Das ist ein Befund über den Bestand von 2016 in 15 Kitas, nicht über den heutigen Markt – seither hat sich im Verlagsprogramm einiges getan. Aber er beschreibt, was eine ganze Generation von Kita-Kindern in ihren Büchern gesehen hat, während ein wachsender Teil von ihnen zu Hause etwas anderes erlebte.

Wirkung

Ob das etwas ausmacht

Die ehrliche Antwort: Es gibt weniger Forschung dazu, als man denkt – und der naheliegende Schluss („Kinder übernehmen, was sie sehen“) ist nicht so gut belegt, wie er oft dargestellt wird.

Was es gibt, ist ein Hinweis in die andere Richtung. Eine Untersuchung mit 74 Kindern fand, dass sich das Denken über geschlechtsbezogene Tätigkeiten nach dem gemeinsamen Lesen nicht-stereotyper Bilderbücher messbar verschob: Die Kinder wählten danach deutlich häufiger die Antwort „typisch für Jungen und Mädchen“.

Das ist ein kleiner Befund aus einer kleinen Stichprobe, und man sollte ihn nicht überfrachten. Aber er legt nahe, dass die Richtung funktioniert: Nicht das Vermeiden stereotyper Bücher ist der Hebel, sondern das Hinzufügen anderer.

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Vier Fragen, die schnell gehen

1. Wer ist die Hauptfigur, wenn sie ein Tier ist? Bei Tierfiguren ist die männliche Überzahl am größten – dreimal so viele männliche wie weibliche. Wenn ein Tier kein Geschlecht bräuchte und trotzdem „er“ heißt, ist das kein Zufall.

2. Was tun die Erwachsenen im Hintergrund? Stereotype sitzen selten in der Hauptfigur, sondern in den Nebenfiguren: wer kocht, wer repariert, wer die Kinder abholt.

3. Wie ist die weibliche Figur gekleidet – und was hält sie davon ab? Wenn sie mutig ist, aber im Kleid nicht klettern kann, erzählt das Bild etwas anderes als der Text.

4. Wer hat es geschrieben? Der stärkste statistische Einzelfaktor für die Geschlechterverteilung in einem Buch ist das Geschlecht der schreibenden Person. Das ist kein Auswahlkriterium – aber ein erstaunlich guter Vorhersagewert.

Fragen

Häufig gefragt

Sind Kinderbücher heute noch geschlechterstereotyp?

Bei der Anzahl der Figuren hat sich viel angeglichen – international liegt das Verhältnis in den letzten Jahren bei etwa 1,12 zu 1. Beim Inhalt nicht: Eine deutsche Studie fand, dass männliche Figuren achtmal häufiger berufstätig gezeigt werden, weibliche Protagonistinnen achtmal häufiger im Haushalt.

Stimmt es, dass in Kinderbüchern mehr männliche Figuren vorkommen?

International ja, aber weniger deutlich als früher. In einer deutschen Untersuchung von 133 Büchern aus Kitas war es umgekehrt: 53 Prozent der 6.117 gezählten Figuren waren weiblich. Die Schieflage liegt heute weniger in der Anzahl als in den Rollen – und bei Tierfiguren, wo das Verhältnis rund 3 zu 1 beträgt.

Hat sich das über die Jahrzehnte gebessert?

International ja, langsam. In der deutschen Kita-Stichprobe: nein. Dort gab es keinen statistischen Zusammenhang zwischen Erscheinungsjahr und Geschlechterverteilung über die Jahrgänge 1950 bis 2014 – weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung.

Beeinflussen solche Bücher, wie mein Kind denkt?

Die Forschungslage dazu ist dünner, als oft behauptet wird. Ein Hinweis existiert aber: In einer Untersuchung mit 74 Kindern verschob sich das Denken über geschlechtsbezogene Tätigkeiten messbar, nachdem nicht-stereotype Bilderbücher gelesen wurden. Das spricht eher fürs Hinzufügen als fürs Aussortieren.

Soll ich stereotype Bücher aussortieren?

Wir würden es nicht empfehlen. Der einzige belegte Hebel geht in die andere Richtung: andere Bücher dazulegen. Und ein Buch mit einer altmodischen Rollenverteilung ist ein gutes Gesprächsbuch – vorausgesetzt, jemand spricht darüber.

Belege

Quellen

  1. 1.Casey, K., Novick, K. & Lourenco, S. F. (2021): Sixty years of gender representation in children's books. PLOS ONE 16(12): e0260566.Belegt: 3.280 Bücher 1960–2020; Verhältnis 1,22:1 (2010–2020) bzw. 1,12:1 (letzte fünf Jahre); Fiktion mit Tierfiguren 3,09:1; Autorengeschlecht als stärkster Faktor (2,95:1 bzw. 4,19:1 bei Autoren, 0,75:1 bei Autorinnen).
  2. 2.Burghardt, L. & Klenk, F. C. (2016): Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse. GENDER 8(3), 61–80.Belegt: 6.117 Figuren aus 133 Bilderbüchern in 15 Kitas: 53 Prozent weiblich; handlungsleitend 43,8 zu 32,2 Prozent; Beruf/Haushalt jeweils achtfache Schieflage; kein Zusammenhang mit dem Erscheinungsjahr 1950–2014; keine andere Familienform als die heterosexuelle Kernfamilie in einem der 133 Bücher.
  3. 3.Jürgens, E. & Jäger, R. (2010): Auf der Suche nach männlich und weiblich. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis 42(4), 1045–1059.Belegt: 12 für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007/2008 nominierte Bilderbücher: 58,2 Prozent männliche, 20,1 Prozent weibliche Hauptfiguren; kein Buch mit ausschließlich weiblichen Hauptfiguren.
  4. 4.Trepanier-Street, M. & Romatowski, J. (1999) – referiert bei Burghardt & Klenk (2016).Belegt: Untersuchung mit 74 Kindern: Nach der Lektüre nicht-stereotyper Bilderbücher wählten Kinder häufiger die Antwort „typisch für männlich und weiblich“.
  5. 5.Hamilton, M. C. u. a. (2006): Gender Stereotyping and Under-representation of Female Characters in 200 Popular Children's Picture Books. Sex Roles 55, 757–765.Belegt: 200 populäre Bilderbücher; deutliche Unterrepräsentation weiblicher Titel- und Hauptfiguren. Hinweis: Die Einzelzahlen konnten wir nur über Sekundärquellen prüfen, nicht am Volltext.

In eigener Sache

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Wir bauen personalisierte Kinderbücher – und mussten uns bei der Figurenerstellung mit genau diesen Fragen befassen: Welche Eigenschaften schlägt ein System vor, wenn jemand „Mädchen“ eingibt? Die Zahlen oben waren dabei nützlicher als jede Meinung.

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