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Orientierung · Bilderbuch

Woran man ein gutes Bilderbuch erkennt

8 Min. Lesezeit10 Quellen

Aufgeschlagene Doppelseite eines Bilderbuchs – Zusammenspiel von Bild und Text

Bestenlisten gibt es reichlich. Was fast nie dabeisteht: nach welchen Maßstäben eigentlich ausgewählt wurde. Dabei existiert eine sehr gute Antwort auf diese Frage, und sie ist öffentlich – die Kritiker:innenjury des Deutschen Jugendliteraturpreises veröffentlicht ihre Bewertungskriterien.

Neun Fachleute sichten damit jedes Jahr die deutschsprachige Kinderbuchproduktion. Ihre Kriterien sind kein Geheimwissen, sondern eine benutzbare Checkliste – auch für jemanden, der im Laden vor einem Regal steht.

Hintergrund

Die Kurzfassung

  • Drei Dimensionen entscheiden: die ästhetische Qualität von Text und Bild, die Angemessenheit für das Kind, und die Wirkung – ob ein Buch Urteilsvermögen und Neugier stärkt.
  • Gute Bilderbücher lassen Lücken. Die Jury sucht ausdrücklich Bücher, die „komplexe, verschiedene Lesarten" anregen und offen halten – nicht solche, die alles auserzählen.
  • Bild und Text sollen nicht dasselbe sagen. Die Bilderbuchforschung unterscheidet fünf Verhältnisse – von Symmetrie bis Widerspruch. Die interessanten Bücher liegen selten bei Symmetrie.
  • Von moralisierenden Büchern raten Fachleute ab. Sie hemmen das Gespräch, weil Kinder sich dazu nicht frei äußern – so eine Expertin des Bremer Instituts für Bilderbuchforschung.
  • Ein Viertel der Eltern findet die Buchauswahl schwer. Bei Einjährigen sagt das jede vierte Familie – Sie sind mit dem Gefühl also nicht allein.
Der Maßstab

Wonach die Jury des Jugendliteraturpreises urteilt

Die Kriterien gehen auf Orientierungsprinzipien zurück, die die Literaturwissenschaftlerin Bettina Hurrelmann bereits 1990 für diese Jury formuliert hat, und sind seither fortgeschrieben worden. Sie gelten für alle Sparten, vom Bilderbuch bis zum Sachbuch.

1. Ästhetische Qualität von Text- und Bildsprache. Wird auf neuartige Weise erzählt? Regt das Buch verschiedene Lesarten an und hält sie offen? Aktiviert es Kinder dazu, selbst Bedeutung herzustellen? Entstehen Spielräume für Imagination und eigene Ergänzungen?

2. Angemessenheit für die Adressat:innen. Die Jury nennt das „herausfordernde Zugänglichkeit" – ein Buch soll gleichzeitig anschlussfähig und erfahrungserweiternd sein. Ausdrücklich gefordert: Identifikationsangebote bei gleichzeitigem Verzicht auf Stereotypie. Und die Berücksichtigung dessen, was Hurrelmann den „ästhetischen Eigensinn kindlicher Weltsichten" nannte.

3. Wirkungsästhetik. Welche Wirkung geht von den Symbolwelten aus? Stützt das Buch Mündigkeit und Urteilsvermögen? Weckt es Neugier auf Vielfalt?

Für Bilderbücher führt die Jury zusätzlich eigene Aspekte: Format und Materialität, das Zusammenspiel von Schrift und Bild, künstlerische Technik, Farbgestaltung, die Proportionen von Figuren und Räumen, Perspektiven, Typografie – und zwei Punkte, an die kaum jemand denkt: die Rolle des Seitenwechsels und die Vorsatzseiten.

Der Seitenwechsel ist die Pointe des Mediums. Ein Bilderbuch kann etwas, was kein Film und kein Text allein kann: den Moment vor dem Umblättern dehnen. Wer einmal darauf achtet, erkennt gute von mittelmäßigen Büchern oft schon daran.

Das Handwerk

Was Bild und Text miteinander machen

Der Oldenburger Bilderbuchforscher Jens Thiele prägte dafür den Begriff der Bild-Text-Interdependenz und unterschied drei Grundtypen: Bild und Text laufen parallel; sie stehen kontrapunktisch zueinander, erzeugen also Spannung; oder sie verflechten sich wie ein Zopf.

Maria Nikolajeva und Carole Scott haben das in How Picturebooks Work weiter ausdifferenziert, in fünf Verhältnisse:

Symmetrie – Bild und Text sagen dasselbe. Anreicherung – eines erweitert das andere. Komplementarität – sie ergänzen sich. Kontrapunkt – sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Kontradiktion – sie widersprechen sich.

Der praktische Nutzen dieser Liste: Bücher, in denen das Bild nur bebildert, was der Text schon gesagt hat, sind langweiliger – und zwar messbar an dem, was sie einem Kind zu tun übrig lassen. Wo Bild und Text auseinandergehen, entsteht eine Lücke, die das Kind füllen muss. Genau das meint die Jury mit „aktivieren".

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser nannte solche Auslassungen Leerstellen: Unbestimmtheiten, die erst beim Lesen gefüllt werden und die ein Beteiligungsangebot enthalten. Ein Bilderbuch ohne Leerstellen ist ein Vortrag.

Beim Vorlesen

Was ein Buch zum guten Vorlesebuch macht

Hier gibt es eine Expertenempfehlung, die vielen Eltern gegen den Strich geht. Katrin Alt vom Bremer Institut für Bilderbuchforschung nennt für das gemeinsame Betrachten drei Dinge:

Textlose Bilderbücher funktionieren besonders gut – Wimmelbücher etwa, oder Bücher, in denen Mimik und Gestik die Geschichte tragen. Der Grund: Sie sind „für alle Kinder lesbar", unabhängig vom Sprachstand.

Lebensnahe Themen, an die Kinder mit ihrem eigenen Erfahrungsschatz anknüpfen können – und die zum Fantasieren und Sinnieren einladen.

Von stark moralisierenden Bilderbüchern rät sie ab. Sie hemmen den Dialog, weil Kinder sich dazu nicht frei äußern können. Wenn ein Buch die richtige Antwort schon mitliefert, gibt es nichts mehr zu bereden.

Das ist bemerkenswert, weil ein großer Teil des Marktes genau davon lebt: Bücher, die etwas beibringen wollen. Sie verkaufen sich an Erwachsene. Ob sie bei Kindern wirken, ist eine andere Frage.

Dahinter steht die Forschung zum dialogischen Lesen – einer Methode, bei der nicht vorgelesen, sondern gemeinsam über das Buch gesprochen wird, mit offenen Fragen und aufgreifenden Rückfragen. Sie geht auf Arbeiten von Whitehurst und Kolleg:innen aus den späten 1980er- und 1990er-Jahren zurück und wird im deutschsprachigen Raum unter anderem vom Mercator-Institut aufbereitet.

Im Laden

Sechs Prüfungen am Regal

1. Eine Doppelseite nur anschauen, ohne zu lesen. Erzählt das Bild etwas, das nicht im Text steht?

2. Umblättern und auf den Schnitt achten. Passiert beim Seitenwechsel etwas – eine Überraschung, ein Zeitsprung? Oder geht es einfach weiter?

3. Die Vorsatzseiten ansehen. Die Innenseiten der Buchdeckel. Bei sorgfältig gemachten Büchern sind sie Teil der Erzählung, manchmal verändern sie sich von vorn nach hinten.

4. Auf die Moral achten. Wird am Ende erklärt, was man gelernt haben soll? Dann ist das Gespräch danach beendet, bevor es anfängt.

5. Die Nebenfiguren anschauen. Stereotype fallen dort zuerst auf – wer im Hintergrund was tut, wer eine Brille trägt, wer kocht.

6. Laut lesen, innerlich. Klingt der Satzrhythmus? Sie werden dieses Buch vermutlich vierzigmal lesen.

Fragen

Häufig gefragt

Gibt es offizielle Qualitätskriterien für Kinderbücher?

Ja, und sie sind öffentlich: Die Kritiker:innenjury des Deutschen Jugendliteraturpreises veröffentlicht ihre Bewertungskriterien. Sie bewertet nach ästhetischer Qualität von Text und Bild, Angemessenheit für die Zielgruppe und Wirkung – und listet für Bilderbücher eigene Aspekte bis hin zur Rolle des Seitenwechsels und der Vorsatzseiten.

Sind Bücher mit einer klaren Moral gut für Kinder?

Fachlich wird davon eher abgeraten. Eine Expertin des Bremer Instituts für Bilderbuchforschung nennt stark moralisierende Bilderbücher ausdrücklich als ungeeignet für das gemeinsame Betrachten: Sie hemmen den Dialog, weil Kinder sich dazu nicht frei äußern. Wenn die richtige Antwort schon im Buch steht, gibt es nichts mehr zu besprechen.

Warum sind Bücher ohne Text empfehlenswert?

Weil sie unabhängig vom Sprachstand funktionieren. Mimik und Gestik der Figuren sind für alle Kinder lesbar, und das Kind erzählt mit, statt nur zuzuhören. Wimmelbücher und Bücher, deren Geschichte ganz im Bild liegt, gelten deshalb als besonders geeignet für das dialogische Betrachten.

Was ist dialogisches Lesen?

Eine Methode, bei der nicht einfach vorgelesen, sondern gemeinsam über das Buch gesprochen wird: offene Fragen stellen, die Antworten des Kindes aufgreifen, erweitern und zurückspiegeln. Die Methode geht auf Arbeiten von Whitehurst und Kolleg:innen aus den späten 1980er-Jahren zurück.

Ich finde die Auswahl überwältigend. Geht das anderen auch so?

Ja. In der Vorlesestudie 2017 gab rund ein Viertel der Eltern von Einjährigen an, dass ihnen die Buchauswahl eher schwerfällt – gerade für die Jüngsten. Das ist einer der Gründe, warum es diese Seite gibt.

Belege

Quellen

  1. 1.Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V.: „Kriterien der Kritiker:innenjury“ zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2023/2024, verfasst von Prof. Dr. Iris Kruse.Belegt: Die drei Bewertungsdimensionen, die Formulierung „herausfordernde Zugänglichkeit“ und die bilderbuchspezifischen Aspekte inklusive Seitenwechsel und Vorsatzseiten.
  2. 2.Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V.: Kritiker:innenjury – Zusammensetzung und Amtszeit.Belegt: Neunköpfige Jury mit Vorsitz und je zwei Fachleuten für Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch.
  3. 3.Hurrelmann, B. (1990): Die Kinder- und Jugendliteraturkritik in der Jury für den Deutschen Jugendliteraturpreis. In: Scharioth/Schmidt (Hg.): Zwischen allen Stühlen, Tutzing, S. 44–51 – zitiert im Kriterienpapier des AKJ.Belegt: Ursprung der Kriterien und die Formulierung vom „ästhetischen Eigensinn kindlicher Weltsichten“.
  4. 4.Sevi, A. (2012): Lexikonartikel „Bilderbuch“, KinderundJugendmedien.de – zu Jens Thiele (Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur, Universität Oldenburg).Belegt: Thieles Konzept der Bild-Text-Interdependenz mit den drei Strukturtypen parallel, kontrapunktisch und verflochten.
  5. 5.Nikolajeva, M. & Scott, C.: How Picturebooks Work. Routledge, 2000 (2. Aufl. 2006) – deutschsprachige Rezeption bei Sieger, A. (2018), Hochschul-Lehrmaterial.Belegt: Die fünf Bild-Text-Verhältnisse: Symmetrie, Anreicherung, Komplementarität, Kontrapunkt, Kontradiktion.
  6. 6.Titz, C. (2017): „Komm, wir erzählen uns eine Geschichte! Dialogisches Lesen in Kindertagesstätten.“ Trägerkonsortium BiSS – mit Experteninterview mit Katrin Alt, Bremer Institut für Bilderbuchforschung.Belegt: Empfehlung textloser Bilderbücher; ausdrückliche Abratung von stark moralisierenden Bilderbüchern, weil sie den Dialog hemmen.
  7. 7.Wendland, M. (2022): Basiswissen Dialogisches Lesen. Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Universität zu Köln.Belegt: Dialogisches Lesen als Sprachfördermethode; wiederholendes Benennen und korrektives Feedback; Ursprung bei Whitehurst u. a.
  8. 8.Stiftung Lesen, DIE ZEIT, Deutsche Bahn Stiftung: Vorlesestudie 2017 – „Vorlesen – aber ab wann?“Belegt: Rund ein Viertel der Eltern von Einjährigen gibt an, dass ihnen die Buchauswahl eher schwerfällt.
  9. 9.Stadt Wien, Kinder- und Jugendhilfe: „Betrachtung von Bilderbüchern in Bildungseinrichtungen – Leitfaden“, Stand 03/2026.Belegt: Sieben Auswahlkriterien für Bilderbücher in Bildungseinrichtungen; Bedeutung von Reimen und Wiederholungen für das Sprachverständnis.
  10. 10.Iser, W.: Konzept der Leerstellen in der Rezeptionsästhetik (1970/1976) – Darstellung bei teachsam.de.Belegt: Leerstellen als Unbestimmtheitsstellen mit Beteiligungsangebot an die Lesenden.

In eigener Sache

Warum wir uns damit beschäftigen

Wir bauen personalisierte Kinderbücher und mussten für unser eigenes Format entscheiden, wie Bild und Text zueinander stehen sollen. Die Kriterien der Jury waren dabei nützlicher als jede Bestenliste – vor allem der Hinweis, Lücken zu lassen statt alles auszuerzählen.

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