Sagalino

Nach Alter · 5–6 Jahre

Die besten Kinderbücher für 5- bis 6-Jährige

8 Min. Lesezeit5 Quellen6 Bücher

Tusche-Illustration einer erzählerischen Szene für das Vorschulalter

Das Jahr vor der Schule ist das Jahr der längeren Geschichten. Kinder können jetzt einer Handlung über mehrere Kapitel folgen, sich an Figuren von gestern erinnern und aushalten, dass ein Konflikt nicht auf derselben Doppelseite gelöst wird.

Gleichzeitig entscheidet sich in dieser Phase etwas, das mit dem Inhalt der Bücher wenig zu tun hat: die phonologische Bewusstheit – das Gehör für Silben, Reime und Anlaute. Sie gilt als der bedeutsamste einzelne Vorhersagewert für den späteren Schriftspracherwerb. Reimbücher sind in diesem Jahr also kein Kinderkram, sondern Vorarbeit.

Hintergrund

Was in dieser Phase passiert

  • Phonologische Bewusstheit ist der beste Einzelprädiktor für den späteren Lese- und Schreiberwerb. Vorschulische Trainingsprogramme wie „Hören, lauschen, lernen“ (Küspert & Schneider) zeigen signifikante Effekte auf spätere Lese-Rechtschreib-Leistungen.
  • Über 3.000 Wörter aktiver Wortschatz stehen zum Schulbeginn typischerweise zur Verfügung.
  • Das Denken wird logischer – bleibt aber noch stark ans Hier und Jetzt gebunden. Abstrakte Zusammenhänge brauchen weiterhin ein konkretes Bild.
  • Fünf- bis Siebenjährige sind die Gruppe, der am seltensten vorgelesen wird. Der Vorlesemonitor 2024 benennt sie ausdrücklich – ausgerechnet in dem Jahr, in dem es am meisten bringt.
  • Eltern schätzen das Können ihres Kindes schlechter ein, wenn sie selten vorlesen: 17 Prozent von ihnen können die Lesekompetenz ihres Kindes nicht beurteilen – gegenüber 4 Prozent bei regelmäßig vorlesenden Eltern.
Empfehlungen

Sechs Bücher für das Jahr vor der Schule

Keine Rangfolge. Die Altersangaben stammen vom Verlag der genannten Ausgabe – bei Klassikern gilt die Empfehlung der aktuellen Ausgabe, nicht die des Erscheinungsjahres.

  1. 01

    Der Räuber Hotzenplotz

    Otfried Preußler · Bilder: Franz Josef Tripp · Thienemann, 1962 · ab 6 Jahren

    Die ganze Handlung beruht auf Verkleidung und Täuschung – sie funktioniert nur, wenn man mitdenkt, wer gerade was nicht weiß. Das ist Theory of Mind als Unterhaltung, auf einem Niveau, das ein Fünfjähriger erstmals bewältigt.

  2. 02

    Pippi Langstrumpf

    Astrid Lindgren · Bilder: Katrin Engelking (aktuelle Ausgabe) · Verlag Friedrich Oetinger, 1945 (dt. 1949) · ab 6 Jahren

    Ein Kind, das allein wohnt, ein Pferd hebt und keine Erwachsenen über sich hat. Kurz vor dem Schuleintritt, wenn Regeln und Fremdbestimmung näher rücken, bedient das Autonomiefantasien wie kein zweites Buch. Ein Hinweis: Der Text wurde 2009 überarbeitet, rassistische Begriffe wurden ersetzt.

  3. 03

    Die Olchis ziehen um

    Erhard Dietl · Verlag Friedrich Oetinger, 1994 · 5–9 Jahre

    Müll essen, stinken, alles falsch machen. Der bewusste Regelbruch ist genau der Humor dieser Altersstufe – und er setzt voraus, dass man die Regel kennt. Das ist die Pointe: Über Olchis lacht nur, wer weiß, wie man es eigentlich macht.

  4. 04

    Der Findefuchs

    Irina Korschunow · Bilder: Reinhard Michl · dtv, 1986 · ab 6 Jahren

    Ein Fuchs nimmt ein fremdes Junges an. Herkunft und Zugehörigkeit in kurzer Kapitelstruktur – ein Thema, das im Vorschuljahr aufkommt, wenn Kinder anfangen, nach ihrer eigenen Geschichte zu fragen.

  5. 05

    Petronella Apfelmus – Verhext und festgeklebt

    Sabine Städing · Bilder: Sabine Büchner · Boje, 2014 · 4–9 Jahre

    Eine Apfelhexe im Nachbarsgarten. Magie, aber in einer ganz normalen Nachbarschaft verankert – die Übergangsform zwischen reiner Fantasie und den realitätsnahen Geschichten, die bald folgen.

  6. 06

    Die kleine Hexe

    Otfried Preußler · Bilder: Winnie Gebhardt-Gayler · Thienemann, 1957 · ab 6 Jahren

    Eine Hexe, die zu jung ist, um mitzumachen, und beweisen will, dass sie eine gute Hexe ist – bis sich herausstellt, dass „gut“ von den Falschen definiert wurde. Erster echter moralischer Konflikt über mehrere Kapitel. Auch dieser Text wurde 2013 sprachlich überarbeitet.

Auffällig

Warum hier zweimal derselbe Autor steht

Als wir für diese Altersstufe recherchiert haben, war das Ergebnis erst einmal unbrauchbar: Von neun Kandidaten stammten vier von Otfried Preußler Die kleine Hexe, Das kleine Gespenst, Der Räuber Hotzenplotz, Der kleine Wassermann.

Eine Empfehlungsliste, die viermal denselben Autor nennt, ist keine Empfehlung, sondern ein Rechercheartefakt. Deshalb stehen oben nur zwei. Aber die Häufung selbst ist bemerkenswert und gehört erwähnt: Preußler hat zwischen 1956 und 1962 in sechs Jahren vier Bücher geschrieben, die bis heute das deutsche Vorschul- und Grundschulalter prägen. Sie treffen alle dieselbe Stelle – Kapitellänge, Verständlichkeit, ein moralischer Konflikt, der nicht in einem Satz aufgeht.

Wenn eines davon bei Ihnen ankommt, sind die anderen drei die naheliegendste Fortsetzung. Das ist selten so klar.

Zwei Hinweise zur Einordnung: Die kleine Hexe wurde 2013 vom Verlag sprachlich überarbeitet, Pippi Langstrumpf bereits 2009 – in beiden Fällen wurden rassistische Begriffe entfernt. Wer eine alte Ausgabe im Regal hat, liest also einen anderen Text als das Kind in der Kita.

Nebenbei

Warum Reime in diesem Jahr mehr zählen als sonst

Die phonologische Bewusstheit – das Gehör dafür, dass „Haus“ und „Maus“ sich reimen und dass „Banane“ aus drei Teilen besteht – gilt als der bedeutsamste einzelne Vorhersagewert für den späteren Schriftspracherwerb.

Sie lässt sich trainieren, und das wirkt: Ein vorschulisches Programm wie „Hören, lauschen, lernen“ zeigt messbare Effekte auf spätere Lese- und Rechtschreibleistungen. Der Punkt für Eltern ist aber ein anderer: Es braucht kein Programm. Reimbücher, Abzählverse, Silbenklatschen beim Anziehen, alberne Wortspiele am Frühstückstisch machen dasselbe – nur nebenbei.

Konkret: Wenn Ihr Kind bei einem bekannten Reimbuch das letzte Wort jeder Zeile selbst ergänzt, arbeitet es gerade an genau dieser Fähigkeit. Machen Sie eine Pause vor dem Reimwort und warten Sie ab.

Fragen

Häufig gefragt

Was ist phonologische Bewusstheit und warum ist sie wichtig?

Das Gehör für die Lautstruktur der Sprache: Reime erkennen, Silben zerlegen, Anlaute heraushören. Sie gilt als der bedeutsamste einzelne Vorhersagewert für den späteren Lese- und Schreiberwerb – und lässt sich im Vorschuljahr spielerisch fördern, ohne dass es nach Übung aussieht.

Mein Kind kann schon lesen. Soll ich aufhören vorzulesen?

Nein. Kinder verstehen vorgelesene Texte über Jahre hinweg deutlich besser als selbst gelesene – das eigene Lesen bindet zunächst fast die ganze Aufmerksamkeit. Vorlesen bleibt der Ort für anspruchsvollere Geschichten, während das Selberlesen noch mühsam ist.

Sind die alten Klassiker heute noch unverändert?

Oft nicht. Pippi Langstrumpf wurde 2009 überarbeitet, Die kleine Hexe 2013 – in beiden Fällen wurden rassistische Begriffe entfernt, jeweils in Abstimmung mit den Rechteinhabern. Wenn Sie aus Ihrer eigenen Kindheitsausgabe vorlesen, lesen Sie einen anderen Text als den heutigen.

Warum sind Bücher über Regelbruch in diesem Alter so beliebt?

Weil der Witz die Regel voraussetzt. Über Olchis, die Müll essen, lacht nur, wer weiß, wie man sich eigentlich benimmt. Der Humor ist also ein Beleg dafür, dass die Norm verstanden wurde – nicht ein Zeichen dagegen.

Belege

Quellen

  1. 1.Phonologische Bewusstheit als Prädiktor des Schriftspracherwerbs; Trainingsprogramm „Hören, lauschen, lernen“ (Küspert & Schneider 2003, nach Lundberg u. a. 1988) – Übersichtsdarstellung.Belegt: Phonologische Bewusstheit gilt als bedeutsamster Einzelprädiktor; vorschulische Trainingsprogramme zeigen signifikante Effekte auf spätere Lese-Rechtschreib-Leistungen.
  2. 2.BZgA / kindergesundheit-info.de: Grundzüge der Sprachentwicklung.Belegt: Zum Schulbeginn verfügen Kinder typischerweise über einen aktiven Wortschatz von über 3.000 Wörtern.
  3. 3.BZgA / kindergesundheit-info.de: Geistige Entwicklung im Kindesalter.Belegt: Das kindliche Denken wird zunehmend logisch, bleibt aber an das Hier und Jetzt gebunden.
  4. 4.Stiftung Lesen, DIE ZEIT, Deutsche Bahn Stiftung: Vorlesemonitor 2024.Belegt: Fünf- bis Siebenjährige sind besonders betroffen; 17 Prozent der selten vorlesenden Eltern können die Lesekompetenz ihres Kindes nicht einschätzen gegenüber 4 Prozent bei regelmäßig Vorlesenden.
  5. 5.Überarbeitungen der Klassiker – Übersicht der dokumentierten Fälle.Belegt: Pippi Langstrumpf: Ersetzung rassistischer Begriffe in Neuauflagen ab 2009, zuvor fünf Jahre lang mit erklärender Fußnote.

In eigener Sache

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