Kunststil
Kinderbuch in Federzeichnung
Kein Farbtopf, nur Tinte und Papier. Was fehlt, muss die Linie leisten, und genau daran erkennt man, ob eine Zeichnung trägt.
Komplette Geschichte gratisStil bleibt im ganzen Buch gleicheBook 5,00 €

Was ohne Farbe möglich ist
Die deutsche Linie beginnt 1865 mit Wilhelm Busch und Max und Moritz. Das Buch verbindet Bildfolgen mit Versen und gilt als früher Vorläufer der Bildergeschichte. Busch brauchte für Mimik und Bewegung keine Farbe, sondern Timing: Jedes Bild sitzt genau im richtigen Moment.
In England führte E. H. Shepard diese Tradition fort. Seine Illustrationen zu The Wind in the Willows von 1931 und zu Winnie-the-Pooh von 1926 waren reine Federzeichnungen, koloriert wurde erst Jahrzehnte später.
Tomi Ungerer brachte die Feder in eine andere Richtung: schärfer, politischer, oft unbequem. 1998 erhielt er die Hans Christian Andersen Medaille für Illustration. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass Schwarzweiß in Kinderbüchern nicht harmlos sein muss.
Der technische Kern ist immer derselbe: Weil es keine Grautöne gibt, entstehen alle Abstufungen durch Schraffur. Dichter gesetzte Linien werden dunkler, weiter gesetzte heller.
Namen, die dahinterstehen
Wilhelm Busch
Max und Moritz, 1865
Bildfolgen mit Versen, ein früher Vorläufer der Bildergeschichte. Busch erzeugt Bewegung allein durch die Wahl des Moments.
E. H. Shepard
The Wind in the Willows, Methuen, 1931
Reine Federzeichnung. Shepard zeigt, wie viel Atmosphäre ohne einen Tropfen Farbe möglich ist.
Tomi Ungerer
Hans Christian Andersen Medaille für Illustration, 1998
Scharf, politisch, oft unbequem. Sein Werk widerlegt die Annahme, Schwarzweiß im Kinderbuch sei harmlos.
Quentin Blake
Hans Christian Andersen Medaille für Illustration, 2002
Die schnelle, absichtlich unsaubere Feder. Seine Figuren wirken, als wären sie in Bewegung gezeichnet worden.
Woran man eine Federzeichnung erkennt
- Nur Schwarz und Weiß, keine Grautöne als Fläche.
- Abstufungen entstehen durch Schraffur und Kreuzschraffur.
- Die Linienstärke wechselt, weil eine Feder beim Aufdrücken breiter schreibt.
- Viel unbezeichnetes Papier, das als Licht gelesen wird.
- Sichtbarer Strichduktus. Man sieht, in welcher Richtung gezeichnet wurde.
Für welche Geschichten sich die Federzeichnung eignet
Die Feder ist stark bei Witz und Tempo: Streiche, Missgeschicke, Figuren mit Eigenheiten. Sie ist auch die beste Wahl für ältere Kinder, die Bilderbücher schon babyhaft finden, weil eine Schwarzweißzeichnung erwachsener wirkt.
Für stimmungsvolle Farbwelten ist sie ungeeignet. Ein Buch über Jahreszeiten braucht Farbe.
Altersmäßig passt sie ab etwa fünf Jahren und trägt weit in die Grundschule, teilweise darüber hinaus.
Gut zu wissen
Ist Schwarzweiß für Kinder nicht langweilig?
Für Zweijährige ja, ab etwa fünf Jahren nicht mehr. Ohne Farbe muss man genauer hinschauen, und viele ältere Kinder mögen genau das, weil es weniger nach Babybuch aussieht.
Ab welchem Alter passt der Stil?
Ab etwa fünf Jahren. Er trägt weit in die Grundschule und ist eine gute Wahl für Kinder, die klassische Bilderbücher schon zu kindlich finden.
Sieht mein Kind in diesem Stil wiedererkennbar aus?
Sehr gut. Die Linie trägt Gesichtszüge und Mimik besonders präzise, weil ihr keine Farbe die Arbeit abnimmt.
Bleibt der Stil im ganzen Buch gleich?
Ja. Alle 14 Doppelseiten entstehen im gewählten Stil, einschließlich Cover und Figurenporträt.
- 1.Wilhelm Busch, Max und Moritz, Werkübersicht.Belegt: Erstveröffentlichung 1865, Bildfolgen mit Versen als Vorläufer der Bildergeschichte.
- 2.Victoria and Albert Museum: Winnie-the-Pooh, Exploring a Classic.Belegt: Shepards Illustrationen waren ursprünglich reine Federzeichnungen.
- 3.IBBY: Hans Christian Andersen Awards, Preisträgerinnen und Preisträger.Belegt: Tomi Ungerer erhielt die Illustrationsmedaille 1998, Quentin Blake 2002.