Kunststil
Kinderbuch im Jugendstil
Geschwungene Linien, Ranken, riesige Pflanzen und kleine Menschen. Um 1900 entstand eine Bildsprache für Märchen, die bis heute niemand übertroffen hat.
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Die Goldene Zeit der Illustration
Um 1900 traf eine technische Entwicklung auf einen künstlerischen Aufbruch. Neue Farbdruckverfahren machten es erstmals möglich, aufwendige Farbtafeln in größerer Auflage zu drucken. In Großbritannien und den USA entstand daraus die Golden Age of Illustration, grob die Jahre zwischen 1880 und 1920, mit prächtig ausgestatteten Geschenkbänden.
Arthur Rackham illustrierte 1900 die Märchen der Brüder Grimm für Freemantle in London, zunächst mit hundert Schwarzweißbildern, 1909 überarbeitet und neu aufgelegt bei Constable. Edmund Dulac folgte 1907 mit fünfzig Farbtafeln zu Stories from the Arabian Nights, Kay Nielsen 1914 mit fünfundzwanzig Tafeln zu East of the Sun and West of the Moon.
Parallel dazu entstand ein eigenständiger deutscher Zweig. Otto Ubbelohde zeichnete zwischen 1906 und 1908 rund 446 Federzeichnungen zu den Grimmschen Märchen, erschienen ab 1907 im Turm Verlag Leipzig. Seine Bilder prägen bis heute die Vorstellung davon, wie deutsche Märchenlandschaften aussehen.
Interessant ist die technische Bandbreite unter demselben Etikett: Rackham arbeitete mit einem texturierten Federgeflecht in gedeckter Palette, Dulac und Nielsen dagegen flächig-malerisch, weitgehend ohne durchgehende Konturlinie.
Namen, die dahinterstehen
Arthur Rackham
The Fairy Tales of the Brothers Grimm, Freemantle & Co, London, 1900
Hundert Schwarzweißillustrationen, 1909 überarbeitet bei Constable neu aufgelegt. Sein texturiertes Federgeflecht in gedeckten Tönen wurde zum Inbegriff der Märchenillustration.
Edmund Dulac
Stories from the Arabian Nights, Hodder & Stoughton, 1907
Fünfzig Farbtafeln. Anders als Rackham arbeitete er flächig und malerisch, fast ohne Konturlinie, mit kräftigem Farbauftrag.
Kay Nielsen
East of the Sun and West of the Moon, Hodder & Stoughton, 1914
Fünfundzwanzig Farbtafeln zu nordischen Märchen. Seine stark stilisierten, ornamental aufgebauten Bilder gelten als Höhepunkt der Epoche.
Otto Ubbelohde
Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Turm Verlag Leipzig, 1907
Rund 446 Federzeichnungen, entstanden 1906 bis 1908. Der deutsche Gegenpart zu Rackham, und bis heute prägend für das Bild der Grimmschen Märchenlandschaft.
Heinrich Vogeler
Dir. Gedichte, Schuster & Loeffler, Berlin, 1899
Aus der Worpsweder Künstlerkolonie. Steht für den deutschen Jugendstil in der Buchkunst, bei dem Text, Bild und Buchgestaltung als Einheit gedacht wurden.
Woran man den Jugendstil erkennt
- Geschwungene, ornamentale Linien, die sich durch das ganze Bild ziehen.
- Florale und pflanzliche Motive, oft groß im Verhältnis zu den Figuren.
- Flächige Stilisierung statt naturalistischer Räumlichkeit.
- Dekorative Rahmung der Bildfläche, manchmal mit eigenem Ornamentband.
- Gedämpfte oder bewusst kontrastreich gesetzte Farbfelder, selten grelle Buntheit.
Für welche Geschichten sich der Jugendstil eignet
Der Jugendstil ist die Bildsprache des Märchens. Alles mit Wald, Wasser, Verwandlung, Zauber, alten Geschichten. Er erzeugt eine Feierlichkeit, die moderne Stile nicht haben, und das ist bei Geschenkbüchern oft genau der Punkt.
Für Alltagsgeschichten passt er schlecht. Ein Kind beim Zähneputzen im Jugendstil wirkt unfreiwillig komisch, weil der Stil Erhabenheit mitbringt, die zum Thema nicht passt.
Altersmäßig trägt er ab etwa fünf Jahren. Jüngere Kinder haben es schwerer, die Figur im Ornament zu finden, weil beides gleich stark gezeichnet ist.
Gut zu wissen
Ist der Jugendstil nicht zu altmodisch für ein Kinderbuch?
Für Alltagsgeschichten ja. Für Märchen und Geschenkbücher ist genau das der Reiz: Der Stil bringt eine Feierlichkeit mit, die moderne Bildsprachen nicht haben. Viele Eltern wählen ihn für Anlässe wie Taufe oder Einschulung.
Ab welchem Alter passt dieser Stil?
Ab etwa fünf Jahren. Weil Figur und Ornament gleich stark gezeichnet sind, brauchen jüngere Kinder länger, um die Hauptfigur im Bild zu finden. Ältere Kinder entdecken dafür bei jedem Anschauen Neues.
Woher kommt der Stil?
Aus der Zeit um 1900, als neue Farbdruckverfahren aufwendige Farbtafeln möglich machten. In Großbritannien entstand daraus die Golden Age of Illustration mit Arthur Rackham und Edmund Dulac, in Deutschland ein eigener Zweig, für den Otto Ubbelohde mit seinen Grimm-Illustrationen steht.
Bleibt der Stil im ganzen Buch gleich?
Ja. Alle 14 Doppelseiten entstehen im gewählten Stil, einschließlich Cover und Figurenporträt.
- 1.Wikisource: The Fairy Tales of the Brothers Grimm, illustriert von Arthur Rackham.Belegt: Erstausgabe 1900 bei Freemantle & Co mit hundert Schwarzweißillustrationen, Neuauflage 1909 bei Constable & Co.
- 2.Wikisource: Stories from the Arabian Nights, illustriert von Edmund Dulac.Belegt: London 1907, Hodder & Stoughton, fünfzig Farbtafeln.
- 3.Kay Nielsen, Überblicksdarstellung.Belegt: East of the Sun and West of the Moon, London 1914, Hodder & Stoughton, fünfundzwanzig Farbtafeln.
- 4.Büchner Verlag: Otto Ubbelohdes Illustrationen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.Belegt: Rund 446 Federzeichnungen, entstanden 1906 bis 1908, erschienen ab 1907 im Turm Verlag Leipzig.
- 5.Heinrich-Vogeler-Gesellschaft: Symbolismus und Jugendstil bei Vogeler.Belegt: Vogelers Rolle im deutschen Jugendstil und in der Worpsweder Künstlerkolonie.