Entwicklungsthema · 3–10 Jahre
Wenn Eltern sich trennen: was Kinder wirklich brauchen
12 Min. Lesezeit15 Quellen · abgerufen am 12. September 2026
Die kurze Antwort
Die größte Meta-Analyse zum Thema hat 92 Studien ausgewertet. Kinder getrennter Eltern schneiden im Mittel schlechter ab, aber der Abstand ist klein, und am konsistentesten gestützt wurde nicht die Trennung als Ursache, sondern der Konflikt der Eltern.3
Jüngere Kinder geben sich fast immer eine Mitschuld. Das Denken im Vorschulalter ist magisch und auf sich selbst bezogen: Wenn etwas Schlimmes passiert, muss es an mir gelegen haben. Dieser Gedanke wird selten von allein ausgesprochen.7
Am meisten hilft deshalb ein Satz, den das Kind wörtlich hört und wiederholt hören darf: Du bist nicht schuld, und an dir ändert sich nichts. Kein Betreuungsmodell ersetzt ihn.
Wie viele Kinder das betrifft
2024 wurden in Deutschland rund 129.300 Ehen geschieden. Etwas mehr als die Hälfte dieser Paare hatte minderjährige Kinder. Insgesamt waren etwa 111.000 Minderjährige von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.1
Diese Zahl ist die Untergrenze, und das sollte man wissen, bevor man sie zitiert: Sie erfasst ausschließlich Ehescheidungen. Trennungen unverheirateter Paare mit Kindern werden amtlich nicht gesondert gezählt. Eine offizielle Gesamtzahl haben wir nicht gefunden, und wir schätzen hier keine.
Über den ganzen Lebensverlauf gerechnet erlebt nach Angaben des Deutschen Jugendinstituts etwa ein Viertel aller Kinder in Deutschland bis zum Jugendalter die Trennung seiner Eltern.2
Der Konflikt wiegt schwerer als die Trennung
Paul Amato und Bruce Keith werteten 1991 92 Studien aus, die Kinder getrennter und zusammenlebender Eltern verglichen. Ergebnis: Die Kinder getrennter Eltern schnitten im Mittel schlechter ab, über Schulleistung, Verhalten, psychische Anpassung und Selbstbild hinweg. Der mittlere Abstand betrug jedoch nur etwa 0,14 Standardabweichungen, das ist ein kleiner Effekt. Von den geprüften Erklärungen fand die Familienkonflikt-Perspektive die konsistenteste Stütze.3
Die Aktualisierung für die 1990er Jahre bestätigte die Richtung und die Größenordnung: 88 Prozent der Effekte wiesen in Richtung geringeren Wohlbefindens, aber nur 42 Prozent waren statistisch signifikant.4
Daraus folgt allerdings nicht, dass eine ruhige Trennung folgenlos bleibt. Amato hat 2011 genau diese Lesart geprüft und gegenteilig beantwortet: Löst sich eine Ehe mit niedrigem Konfliktniveau auf, geht es den Kindern langfristig eher schlechter. Löst sich eine hochkonflikthafte Ehe auf, wirkt das für die Kinder eher entlastend.5 Für Kinder ist also nicht die Trennung der Einschnitt, sondern das, was vorher und nachher zwischen den Eltern passiert.
Die deutsche Forschung kommt zum selben Schluss. Das Deutsche Jugendinstitut führt das elterliche Konfliktniveau als einen der Faktoren mit der höchsten Vorhersagekraft für kindliche Entwicklungsprobleme, unabhängig von der Familienform.6
Drei Jahre, sechs Jahre, neun Jahre: drei verschiedene Kinder
In der deutschen Familienberatung wird häufig ein Modell dreier Perspektiven verwendet, das auf Griebel und Oberndorfer zurückgeht:
- Egozentrische Perspektive, etwa 3 bis 6 Jahre. Im Vordergrund steht die Schuldfrage. Das Kind bezieht das Ereignis auf sich selbst und sein eigenes Verhalten.
- Subjektive Perspektive, etwa 5 bis 9 Jahre. Loyalitätskonflikte treten auf, dazu Versuche, die Elternbeziehung zu retten oder zu kitten.
- Reziproke Perspektive, etwa 7 bis 12 Jahre. Das Kind solidarisiert sich mit dem Elternteil, den es für den schwächeren hält, und bezieht Position.
Diese Einteilung beschreibt Beobachtungen aus der Beratungspraxis, keine gemessenen Altersgrenzen. Sie taugt als Orientierung, nicht als Raster.7
Auf der Symptomebene nennt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie für das Grundschulalter: aggressives oder dissoziales Verhalten, Rückzug, Schulschwierigkeiten, gedrückte Stimmung, körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen, erneutes Einnässen sowie Trennungs- und Verlustängste. Bei Jugendlichen eher Rückzug, Scham oder ein beschleunigtes, aufgesetztes Erwachsenwerden.8
Was fehlt, sagen wir offen: Eine belastbare Grenze zwischen altersüblicher Reaktion und behandlungsbedürftigem Warnzeichen haben wir in keiner Quelle gefunden. Die Fachstellen arbeiten stattdessen mit einem einzigen Kriterium, und das heißt anhaltend.8 Bemerkenswert ist dabei, dass auch das Gegenteil als Signal gilt: Ein Kind, das gar nichts zeigt, kann verdrängen.7
Warum Kinder sich die Schuld geben
Ein großer Teil der betroffenen Kinder gibt sich ganz oder teilweise selbst die Schuld an der Trennung. Je jünger das Kind, desto ausgeprägter. Der Grund liegt in der Denkform des Vorschulalters: magisch und auf die eigene Person bezogen. Der Fehlschluss lautet dann etwa „Papa ist ausgezogen, weil ich so oft laut war“.7
Bei älteren Kindern entsteht Schuld anders, nämlich aus gescheiterten Vermittlungsversuchen. Wer monatelang versucht hat, zwischen den Eltern zu schlichten, und dann geht einer aus, zieht daraus eine Bilanz über sich selbst.7
Praktisch heißt das: Der entlastende Satz muss ausgesprochen werden, und zwar mehrfach. Ein Kind, das nicht fragt, hat die Frage nicht deshalb nicht, weil sie geklärt wäre.
Sieben Kinderbücher zum Thema, geprüft
Die häufigste Suche zu diesem Thema ist die nach einem Buch. Deshalb hier eine Liste, die nicht auf unser eigenes Produkt zeigt. Jeder Titel wurde über Verlagsseite oder ISBN geprüft; Titel, die wir nur in Sekundärlisten gefunden haben, stehen bewusst nicht darin.
- Was, wenn Eltern auseinandergehen? Dagmar Geisler, Loewe Verlag, ab 5 Jahren. Aus der Reihe „Starke Kinder, glückliche Eltern“, sachlich erklärend.
- Geht Scheidung wieder vorbei? Nicole Müller, illustriert von Stefanie Klaßen, Gabriel Verlag 2024, ab 4 Jahren (ISBN 978-3-522-30609-6). Erzählt von zwei Geschwistern und beantwortet daneben echte Kinderfragen.
- Fips versteht die Welt nicht mehr. Jeanette Randerath, illustriert von Imke Sönnichsen, Thienemann, ab 4 Jahren (ISBN 978-3-522-43542-0). Bilderbuch, erzählt aus der Sicht des Kindes.
- Die Krokobären. Eva Orinsky, iskopress, ab 4 Jahren. Aus der therapeutischen Arbeit entstanden.
- Der unsichtbare Vater. Amelie Fried, illustriert von Jacky Gleich, Hanser 1999, ab 8 Jahren. Für den Fall, dass ein Elternteil kaum noch da ist.
- Zicke zacke Trennungskacke. Ilona Einwohlt, illustriert von Regina Kehn, Carlsen, ab 8 Jahren. Direkter Ton, für ältere Kinder.
- Meine Eltern trennen sich und ich hab tausend Fragen. Jan von Holleben, Arne Jørgen Kjosbakken und Dialika Neufeld, Gabriel Verlag 2022, ab 8 Jahren (ISBN 978-3-522-30619-5). Zwanzig Kinder erzählen, mit Fotografien.
Was diese Bücher nicht können: den Namen des eigenen Kindes nennen, die eigene Wohnsituation abbilden, oder den Satz sagen, dass dieses Kind nicht schuld ist. Darin liegt der Unterschied zu einer Geschichte, die für ein bestimmtes Kind geschrieben wird.
Was Fachleute unterschiedlich sehen
Zu kaum einem Entwicklungsthema wird so hart gestritten wie zu diesem, und der Streit läuft quer durch Justiz, Psychologie und Verbände. Wer eine eindeutige Empfehlung liest, liest eine Position, nicht den Stand der Forschung.
Die Belege zu den einzelnen Zeilen stehen unten in der Quellenliste: der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts im Wortlaut,9 die Stellungnahme des Deutschen Juristinnenbundes zum Wechselmodell10 und der Bericht der FamRZ über die Sachverständigenanhörung, in der sich mehrere Fachverbände gegen einen gesetzlichen Regelfall aussprachen.11
| Richtung | Kernaussage | Folge für die Geschichte |
|---|---|---|
| Wechselmodell als LeitbildHildegund Sünderhauf, Evangelische Hochschule Nürnberg; Europarat, Resolution 2079 (2015) | Die hälftige Betreuung durch beide Eltern solle das Leitbild sein. Das Residenzmodell sei verfassungsrechtlich nicht geboten und schreibe ein überholtes Familienbild fort. | Wir nehmen kein Betreuungsmodell in die Geschichte auf. |
| Gegen einen gesetzlichen RegelfallDeutscher Juristinnenbund, Deutscher Anwaltverein, Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, VAMV, sowie Heinz Kindler und Sabine Walper vom Deutschen Jugendinstitut | Die internationale Forschung zeige kein einheitliches Bild, ein Vorteil des Wechselmodells sei nicht belegt, und eine gesetzliche Festschreibung benachteilige den einkommensschwächeren Elternteil. | Die Geschichte zeigt zwei Zuhause, ohne einen Rhythmus vorzugeben. |
| Der methodische Kern des StreitsKritik an der FAMOD-Studie | Die Studie fand, dass es weniger auf das Betreuungsmodell ankommt als auf Beziehungsqualität und Konfliktniveau. Die Kritik daran lautet, der Selektionseffekt sei nicht ausgeräumt: Eltern, die ohnehin gut kooperieren, wählen eher das Wechselmodell. Dann liefe die Ursache in die andere Richtung. | Wir behandeln keine der beiden Seiten als gesichert. |
| Eltern-Kind-Entfremdung, gerichtlich verworfenBundesverfassungsgericht, Beschluss vom 17. November 2023, 1 BvR 1076/23 | Das Gericht bezeichnet das Konzept des Parental Alienation Syndrome wörtlich als „überkommen und fachwissenschaftlich als widerlegt geltend“ und stellt fest, es gebe nach derzeitigem Stand keinen empirischen Beleg für elterliche Manipulation bei kindlicher Ablehnung des anderen Elternteils. | Der Begriff kommt auf dieser Seite nur als das vor, was er ist: ein verworfenes Konzept. |
| Zwei Regeln ohne BelegbasisVerbreitete Ratgeber- und Beratungspraxis | „Jedes zweite Wochenende“ gilt weithin als das kindgerechte Maß an Umgang. Tatsächlich ist es eine gerichtliche Typisierung für Streitfälle, nicht aus der Entwicklungspsychologie hergeleitet. Ebenso wird „keine Übernachtungen vor dem dritten Lebensjahr“ oft als gesicherter Konsens behandelt, obwohl international genau darüber gestritten wird. | Wir übernehmen keine der beiden Faustregeln. |
Worin sich alle einig sind
- Der Konflikt davor und danach wiegt schwerer als die Trennung selbst.
- Erst sagen, wenn die Entscheidung feststeht und die nächsten Schritte geklärt sind.
- Möglichst gemeinsam sagen, vorher abgesprochen, damit keine zwei Versionen entstehen.
- Ausdrücklich klarstellen, dass das Kind keine Schuld trägt.
- Konkret werden: wer wo wohnt, wann man sich sieht, was gleich bleibt.
- Das Umgangsrecht ist ein Recht des Kindes, nicht der Eltern.
Der Streit über Übernachtungen bei Kindern unter drei ist bis heute ungelöst. Eine internationale Gruppe um Richard Warshak veröffentlichte 2014 einen von rund 110 Fachleuten mitgetragenen Bericht, wonach nichts dagegen spricht, dass auch sehr kleine Kinder bei beiden Eltern übernachten. Die Gruppe um Jennifer McIntosh hatte zuvor bei unter Zweijährigen mit häufigen Übernachtungen Hinweise auf stärkere Reizbarkeit gefunden und warnte vor pauschalen Empfehlungen, besonders bei geringer Kooperation der Eltern. Beide Seiten werfen einander vor, die Daten der anderen falsch darzustellen.
Wir haben beide Primärtexte nicht im Volltext einsehen können und geben den Streit deshalb als das wieder, was wir belegen können: als offene Frage. Wer in Deutschland beraten wird, hört meist die vorsichtige Linie, die auf eine Empfehlung von Wassilios Fthenakis aus dem Jahr 1994 zurückgeht. Das ist eine Position in dieser Debatte, kein Ergebnis daraus.
Wann ein Buch nicht reicht
Es gibt einen Rechtsanspruch auf Beratung, und er ist wenig bekannt. Nach § 17 SGB VIII haben Mütter und Väter Anspruch auf Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung. Die Beratung soll auch dabei helfen, ein einvernehmliches Konzept für die elterliche Sorge zu entwickeln, das dem Familiengericht als Grundlage dienen kann.12 Anlaufstelle ist das örtliche Jugendamt oder eine Erziehungsberatungsstelle in freier Trägerschaft.
Als Warnzeichen, bei denen fachliche Hilfe angeraten ist, nennt der Berufsverband der Kinder- und Jugendpsychiater: nachlassende Motivation für Schule und Freundschaften, verminderte Freudfähigkeit, deutlich verschlechterter oder vermehrter Schlaf, ungewohnt streitlustiges Verhalten, bei jüngeren Kindern Entwicklungsrückschritte wie erneutes Einnässen. Ausschlaggebend ist, ob ein Zeichen anhält. Erster Schritt ist das Gespräch mit der Kinderärztin.8
Zum Rechtlichen in einem Satz, ohne Beratung sein zu wollen: Das gemeinsame Sorgerecht bleibt nach einer Trennung bestehen, Alleinsorge gibt es nur auf Antrag und durch Gerichtsbeschluss. Das Umgangsrecht steht ausdrücklich dem Kind zu, und beide Eltern sind verpflichtet, nichts zu tun, was die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil beeinträchtigt.13
Was wir nicht gefunden haben: ein bundesweites, verifizierbares Gruppenangebot für die Kinder selbst. „Kinder im Blick“ ist ein wissenschaftlich begleitetes Elterntraining über sieben Termine, richtet sich aber an die Eltern. Gruppen für Kinder gibt es regional bei Caritas, AWO und Diakonie; danach fragt man am besten direkt beim örtlichen Jugendamt.
- Nummer gegen Kummer: Kinder 116 111 (Mo–Sa 14–20 Uhr), Eltern 0800 111 0 550
- bke-Onlineberatung: kostenlos und anonym, für Eltern und für Jugendliche ab 14
- § 17 SGB VIII: der Beratungsanspruch im Wortlaut
- Kinder im Blick: Elterntraining nach Trennung
- Deutsches Jugendinstitut: Forschung zu Trennungskindern
Wie eine Geschichte dabei hilft
Die Belegbasis für Bücher in dieser konkreten Lage ist dünn, und das soll hier nicht größer gemacht werden, als es ist. Eine deutsche, methodisch kontrollierte Studie speziell zu Trennungsbilderbüchern haben wir nicht gefunden.
Was es gibt: eine Meta-Analyse über Bibliotherapie allgemein mit einem mittleren Effekt,14 und eine deutsche Pilotstudie von 2024, in der 19 Kinder zwischen viereinhalb und sieben Jahren nach angeleitetem Vorlesen von vier Bilderbüchern signifikant weniger schlafbezogene Ängste zeigten, stabil über vier Wochen.15 Das betrifft Schlafängste, nicht Trennung. Wir führen es an, weil es die einzige deutsche Messung zu vorgelesenen Bilderbüchern in einer belastenden Lage ist, die wir finden konnten.
Für die Geschichte gilt deshalb eine Regel:
Kein Elternteil ist in der Geschichte der Grund, und am Ende ziehen die Eltern nicht wieder zusammen. Ein Buch, das die Wiedervereinigung andeutet, arbeitet gegen genau die Klarheit, die das Kind braucht.
- 1–2
Vorher
Der Alltag, wie er war. Damit sichtbar wird, was sich ändert und was nicht.
- 3
Das Gespräch
Beide Eltern sagen es gemeinsam. Ruhig, mit denselben Worten.
- 4
Die erste Frage
Wo wohne ich jetzt? Die Antwort kommt sofort und konkret.
- 5
War ich schuld?
Der Gedanke wird ausgesprochen, statt darauf zu warten.
- 6
Die Antwort
Nein. Und warum nicht, in Worten, die ein Kind behalten kann.
- 7
Wut
Auf beide, auf einen, auf die ganze Lage. Alles erlaubt.
- 8
Das zweite Zuhause
Ein eigener Platz, eigene Sachen. Kein Besuch, ein Zuhause.
- 9
Der Wechsel
Packen, fahren, ankommen. Der Ablauf, den es jetzt öfter gibt.
- 10
Zwischen den Stühlen
Dem einen erzählen, was beim anderen war, ohne dass es ein Verrat ist.
- 11
Der Wunsch
Dass alles wieder wird wie vorher. Er darf da sein und bleibt unerfüllt.
- 12
Was gleich bleibt
Die Schule, die Freunde, das Kuscheltier, beide Eltern.
- 13
Ein guter Tag
Irgendwann geht ein Tag vorbei, ohne dass es Thema war.
- 14
Der Schluss
Zwei Zuhause, ein Kind, und niemand muss sich entscheiden.
Eine Geschichte, die den Satz wiederholen kann
Mit dem Namen deines Kindes, den beiden echten Zuhause und dem Satz, dass es nicht schuld ist.
Buch zur Trennung gestaltenHäufig gefragt
Ab wann sollten wir es dem Kind sagen?
Wenn die Entscheidung feststeht und die nächsten praktischen Schritte geklärt sind, also wer wo wohnt und wann man sich sieht. Vorher entsteht eine Ungewissheit, die das Kind nicht auflösen kann. Fachstellen sind sich hier ungewöhnlich einig: möglichst gemeinsam sagen, vorher absprechen, was gesagt wird, und ausdrücklich klarstellen, dass das Kind keine Schuld trägt.
Schadet eine Trennung dem Kind?
Im Mittel geht es Kindern getrennter Eltern etwas schlechter, aber der Abstand ist klein, und die 92 Studien umfassende Meta-Analyse von Amato und Keith fand die konsistenteste Stütze für den Konflikt als Ursache, nicht für die Trennung selbst. Anders gesagt: Eine Trennung, die den Dauerstreit beendet, kann für ein Kind entlastend sein. Eine Trennung aus einer ruhigen Ehe heraus ist für Kinder dagegen oft schwerer, das hat Amato 2011 ausdrücklich untersucht.
Mein Kind sagt, es sei schuld. Was antworte ich?
Widersprechen Sie klar und begründen Sie es mit einem Grund, der nichts mit dem Kind zu tun hat, in einem Satz, den es behalten kann. Und rechnen Sie damit, dass Sie es mehrfach sagen müssen. Der Gedanke entsteht im Vorschulalter aus der Denkform selbst, nicht aus etwas, das Sie falsch gemacht haben, und er verschwindet nicht durch eine einmalige Klarstellung.
Mein Kind zeigt gar keine Reaktion. Ist das gut?
Nicht unbedingt. Fachstellen führen ausdrücklich auch das Ausbleiben jeder Reaktion als mögliches Signal, weil ein Kind verdrängen kann. Ausschlaggebend ist, ob eine Veränderung anhält. Wenn Schlaf, Stimmung, Schule oder Freundschaften über längere Zeit anders sind, ist das Gespräch mit der Kinderärztin der erste Schritt.
Ist das Wechselmodell besser für das Kind?
Das ist offen und wird in Deutschland hart gestritten. Befürworter wie Hildegund Sünderhauf sehen es als Leitbild, der Deutsche Juristinnenbund, der Deutsche Anwaltverein und Fachleute des Deutschen Jugendinstituts lehnen einen gesetzlichen Regelfall ab, weil ein Vorteil nicht belegt sei. Die vorliegenden Studien haben ein methodisches Problem: Eltern, die ohnehin gut kooperieren, wählen das Modell eher, und dann misst man die Kooperation statt des Modells.
Was ist von „Eltern-Kind-Entfremdung“ zu halten?
Das Bundesverfassungsgericht hat am 17. November 2023 entschieden, dass es sich beim Parental Alienation Syndrome um ein überkommenes und fachwissenschaftlich als widerlegt geltendes Konzept handelt, und festgestellt, dass es keinen empirischen Beleg für elterliche Manipulation bei kindlicher Ablehnung gibt. Lehnt ein Kind einen Elternteil ab, gehört das im Einzelfall geprüft, auch auf mögliche Gewalt hin, statt es als Entfremdung einzuordnen.
Quellen
- 1.Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 228 vom 26. Juni 2025, Ehescheidungen 2024.Belegt: Rund 129.300 Scheidungen 2024; 50,8 Prozent der Paare mit minderjährigen Kindern; etwa 111.000 betroffene Minderjährige. Erfasst nur Ehescheidungen.
- 2.Deutsches Jugendinstitut: Themenseite Trennungskinder.Belegt: Etwa ein Viertel aller Kinder erlebt bis zum Jugendalter die Trennung der Eltern; Schutzfaktoren: gesunkenes Konfliktniveau, verlässliche Beziehungen, Alltagskontinuität, wirtschaftliche Stabilität.
- 3.Amato, P. R. & Keith, B. (1991): Parental Divorce and the Well-Being of Children, A Meta-Analysis. Psychological Bulletin. Englischsprachig.Belegt: 92 ausgewertete Studien; mittlerer Abstand rund 0,14 Standardabweichungen; konsistenteste Stütze für die Familienkonflikt-Perspektive.
- 4.Amato, P. R. (2001): Children of Divorce in the 1990s, an Update. Journal of Family Psychology. Englischsprachig.Belegt: 88 Prozent der Effekte in Richtung geringeren Wohlbefindens, davon 42 Prozent statistisch signifikant.
- 5.Amato, P. R. (2011): Reconsidering the „Good Divorce“. Family Relations, Volltext bei PMC. Englischsprachig.Belegt: Auflösung konfliktarmer Ehen wirkt für Kinder langfristig eher belastend, Auflösung hochkonflikthafter Ehen eher entlastend.
- 6.Deutsches Jugendinstitut: DJI-Bulletin 89 (1/2010).Belegt: Elterlicher Konflikt als Faktor mit hoher Vorhersagekraft für kindliche Entwicklungsprobleme, unabhängig von der Familienform.
- 7.Hutter, C.: Trennung und Scheidung aus der Sicht der Kinder. Institut für Systemische Impulse, Hamburg. Referiert Griebel & Oberndorfer (1999) und Figdor (1998).Belegt: Drei Perspektiven nach Alter; Schuldgefühle aus magisch-egozentrischem Denken; bei älteren Kindern Schuld aus gescheiterten Vermittlungsversuchen; Symptomfreiheit als mögliches Warnsignal.
- 8.Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie: Trennung und Scheidung, psychische Folgen und professionelle Hilfe.Belegt: Altersnahe Symptommuster; Warnzeichen; Kriterium ist das Anhalten, nicht das einzelne Symptom; Kinderarzt als erster Schritt.
- 9.Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 17. November 2023, 1 BvR 1076/23, Rn. 34.Belegt: PAS wörtlich als „überkommenes und fachwissenschaftlich als widerlegt geltendes Konzept“; kein empirischer Beleg für elterliche Manipulation oder für die Wirksamkeit einer Herausnahme des Kindes.
- 10.Deutscher Juristinnenbund: Stellungnahme 19-04 zum Wechselmodell.Belegt: Ablehnung einer Festschreibung des Wechselmodells als gesetzlicher Regelfall.
- 11.FamRZ: Wechselmodell als Regelfall, Experten sind dagegen.Belegt: Positionen von Deutschem Anwaltverein, Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, VAMV sowie Kindler und Walper (DJI) gegen einen gesetzlichen Regelfall.
- 12.§ 17 SGB VIII: Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung.Belegt: Anspruch von Müttern und Vätern auf Beratung; Unterstützung beim Entwickeln eines einvernehmlichen Sorgekonzepts als Grundlage für das Familiengericht.
- 13.§ 1684 BGB: Umgang des Kindes mit den Eltern.Belegt: Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; Pflicht beider Eltern, die Beziehung zum anderen Elternteil nicht zu beeinträchtigen.
- 14.Marrs, R. W. (1995): A Meta-Analysis of Bibliotherapy Studies. American Journal of Community Psychology. Englischsprachig.Belegt: Mittlerer Effekt der Bibliotherapie über Studien hinweg (0,57); Identifikation mit Figuren als beschriebenes Wirkprinzip.
- 15.Mühr, Y. u. a. (2024): Pilotstudie zur Veränderung schlafbezogener Ängste durch das Vorlesen von Bilderbüchern. Somnologie 2/2024.Belegt: 19 Kinder von viereinhalb bis sieben Jahren; nach angeleitetem Vorlesen signifikant weniger schlafbezogene Ängste, stabil nach vier Wochen. Betrifft Schlafängste, nicht Trennung.
Alle Quellen abgerufen am 12. September 2026. Fehlt eine Angabe oder hat sich etwas geändert? Schreib uns: wir korrigieren und vermerken das Datum.
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