Leseentwicklung · Geburt bis 12 Jahre
Die Leseentwicklung des Kindes: von der Geburt bis 12 Jahre
Wann versteht ein Kind, dass ein Bild etwas bedeutet? Ab wann trägt eine Geschichte über mehrere Abende? Und ab wann liest es selbst? Diese Zeitleiste legt zwölf Jahre nebeneinander: was sich in welcher Zeit entwickelt, welche Buchart dann passt, und was beim gemeinsamen Lesen gerade zählt.
Jede Angabe trägt ihre Quelle. Wo die Recherche nichts hergab, steht das ausdrücklich da.
12 Min. Lesezeit18 Quellen · abgerufen am 11. September 2026

Wo Deutschland beim Vorlesen steht
Drei Erhebungen geben der Zeitleiste ihren Maßstab. Sie beschreiben die Lage im Land, nicht die Lage in einer einzelnen Familie.
32,3 %
der Ein- bis Achtjährigen bekommen selten oder nie vorgelesen. 18 Prozent bekommen nie vorgelesen.12
Vorlesemonitor 2024, Stiftung Lesen, DIE ZEIT, Deutsche Bahn Stiftung
524
Punkte Lesekompetenz erreichen deutsche Viertklässler im Mittel. 2001 waren es 539. Ein Viertel verfehlt den Mindeststandard.13
IGLU 2021, Datenbasis 4.611 Viertklässler aus 252 Klassen
4.662
Wörter aus Büchern hat ein Kind bis zum fünften Geburtstag gehört, dem nie vorgelesen wird. Bei fünf Büchern täglich sind es rund 1.483.300.14
Ohio State University, 2019, englischsprachige Studie
Zwei weitere Angaben aus dem Vorlesemonitor 2024: 37 Prozent der Eltern mit formal niedriger Bildung lesen seltener als einmal pro Woche vor. Und 74 Prozent der Eltern, denen selbst als Kind vorgelesen wurde, lesen heute mindestens mehrmals pro Woche vor.12
Aus IGLU 2021 kommt noch eine Zahl zum Schulalltag dazu: Deutsche Schulen wenden 141 Minuten pro Woche für leseorientierte Aktivitäten auf, international sind es 200. Mädchen liegen im Mittel 15 Punkte vor Jungen.13
Die Zahl von 1.483.300 Wörtern stammt aus einer Modellrechnung an englischsprachigen Bilderbüchern. Sie zeigt eine Größenordnung, keine Vorgabe für einen Abend zu Hause.
- 0–6 Monate

Illustration im Stil Aquarell Die Stimme kommt vor dem Bild
Ab etwa zwei Monaten verknüpft ein Säugling seinen eigenen Zustand mit der Sprechweise der Bezugsperson. Mit drei bis vier Monaten bringt er Ereignisse mit gehörter Sprache in Verbindung und erkennt womöglich schon seinen Namen. Ab vier Monaten unterscheidet er eine freundliche von einer ärgerlichen Tonlage.1
Selbst ist er auch schon zu hören: Mit zwei Monaten kommen gurrende Laute, mit drei Monaten Quietschen und Brummen.1
Was jetzt passt
- Kontrastbuch
- Stoffbuch
Was in diesen Monaten trägt, sind Stimme, Nähe und Sprachmelodie. Das Buch ist dafür der Anlass.3
Beim gemeinsamen Lesen
Stiftung Lesen vertritt die Position, dass es für das Vorlesen kein zu früh gibt.3 Vorgelesen wird hier für die Ohren: Rhythmus, Betonung, das Hin und Her zwischen Sprechen und Antworten.
- 6–12 Monate
Das Bild ist noch ein Gegenstand
Mit fünf bis sechs Monaten kommen erste Silbenketten wie da-da-da. Ab etwa acht Monaten versteht das Kind erste Wörter.1
Beim Bild steht es noch ganz am Anfang. Ein neun Monate altes Kind versucht laut der Entwicklungspsychologin Judy DeLoache, den Mund an ein abgebildetes Fläschchen zu legen. Es erfasst, was auf dem Bild zu sehen ist, aber noch nicht, dass das Bild für etwas steht.4 (englischsprachige Forschung)
Was jetzt passt
- Stoffbuch
- Pappbuch
- Fühlbuch
Bücher, die Greifen, Ziehen und Anfassen aushalten.3 Das Kind untersucht das Buch mit den Händen, und das gehört dazu.
Beim gemeinsamen Lesen
Eine Untersuchung an über 2.500 einkommensschwachen Familien in den USA findet schon bei 14 Monaten einen Zusammenhang zwischen gemeinsamem Bücherlesen und dem Wortschatz des Kindes.5 Die Stichprobe stammt aus einem anderen Land und einer besonderen Lebenslage; die Zahl lässt sich also nicht eins zu eins auf deutsche Familien übertragen.
- 1–2 Jahre

Illustration im Stil Papier-Collage Das Bild wird zum Zeichen
Ab etwa 18 Monaten verstehen Kinder laut DeLoache die symbolische Natur von Bildern: Sie zeigen darauf und sprechen über den abgebildeten Gegenstand, statt ihn zu betasten.4 (englischsprachige Forschung) Von diesem Punkt an wird ein Bild als Zeichen für ein Ding gelesen. Das ist die eigentliche Vorstufe des Lesens.
Die ersten Wörter kommen meist zwischen 12 und 18 Monaten. Mit 20 Monaten liegt der aktive Wortschatz bei typischer Entwicklung zwischen 50 und 200 Wörtern.2
Was jetzt passt
- Pappbuch
- Klappenbuch
Das Zeigen wird zur Hauptsache, und eine Klappe gibt dem Zeigen eine Antwort.3
Beim gemeinsamen Lesen
Zeigen, benennen, wiederholen. Das Kind deutet auf etwas, die Erwachsene sagt das Wort dazu. Die vorgelesene Geschichte darf dabei immer wieder unterbrochen werden.
- 2–3 Jahre
Vom Vorlesen zum Gespräch
Aus Zwei-Wort-Sätzen werden Drei-Wort-Sätze, und die ersten Artikel tauchen auf.2
Beim gemeinsamen Lesen
Hier beginnt die Zeit des dialogischen Lesens: Das Kind erzählt, die Erwachsene fragt nach und greift auf. BiSS-Transfer empfiehlt diese Form für Kinder von zwei bis sechs Jahren; bei Zwei- bis Dreijährigen steht dabei das freie Erzählen über die Bilder im Vordergrund.6
Eine Meta-Analyse über 16 Studien beziffert den mittleren Effekt auf den ausdrucksseitigen Wortschatz mit d = 0,59.7 (englischsprachige Studie)
- 3–4 Jahre

Illustration im Stil Retro-Gouache Warum, wieso, und wie geht es weiter
Sätze werden mit und oder dann verbunden, Fragen nach dem Wie und dem Warum kommen dazu, Reime werden verstanden. In dieser Zeit ist vorübergehendes Stottern häufig und meist unbedenklich: Die Sprechfreude wächst schneller als die Sprechmotorik.2
Was jetzt passt
- Bilderbuch mit Handlung
- Sachbuch zum Lieblingsthema
Jetzt trägt eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende, und ein Sachbuch zum gerade wichtigsten Thema wird verschlungen.3
- 4–5 Jahre
Die Ohren für Silben und Reime
Nebensätze mit wenn, weil und als werden beherrscht, die Aussprache ist bis auf die Zischlaute gefestigt.2
Parallel beginnt sich die phonologische Bewusstheit zu entwickeln: zuerst als Verständnis für Reime, dann als Erkennen, dass Wörter aus Silben bestehen.8 Das ist das Hören der Sprache als Material, unabhängig davon, was sie bedeutet.
Was jetzt passt
- Bilderbuch mit Handlung
- Reime und Abzählverse
Was sich reimt und klopft, trainiert genau die Fähigkeit, die gerade entsteht.8
Beim gemeinsamen Lesen
Eine Angabe, mit der wenige rechnen: Die Wirkung des dialogischen Lesens fällt bei Vier- bis Fünfjährigen bereits deutlich geringer aus als bei jüngeren Kindern.6 Gemeint ist die zusätzliche Wirkung dieser Gesprächstechnik. Über das Vorlesen insgesamt sagt die Angabe nichts.
- 5–6 Jahre

Illustration im Stil Tusche & Aquarell Kurz vor der Schule
Bei Schuleintritt umfasst der aktive Wortschatz über 3.000 Wörter, Haupt- und Nebensätze gelingen mühelos, und die meisten Kinder können Wörter in Silben zerlegen.2
Die phonologische Bewusstheit gilt als einer der stärksten Einzelprädiktoren für den späteren Schriftspracherwerb.8 Was ein Kind vor der Schule an Silben und Reimen gehört hat, zahlt sich beim Lesenlernen aus.
Was jetzt passt
- Vorlesegeschichte mit durchgehender Handlung
Eine Handlung, die über mehrere Abende trägt, statt einer abgeschlossenen Szene je Seite.3
Beim gemeinsamen Lesen
Das Kind kann einer Geschichte jetzt über längere Strecken folgen und sich ausmalen, was beim Vorlesen ohne Bild beschrieben wird.3
- 6–7 Jahre · 1. Klasse
Vom Wiedererkennen zum wirklichen Lesen
Nach dem Stufenmodell von Frith und Günther beginnt der Schriftspracherwerb logographisch: Wörter werden an äußeren Merkmalen wiedererkannt, ähnlich wie ein Logo. Gelesen wird dabei noch nicht.910
Darauf folgt die alphabetische Stufe: Laute werden einzelnen Buchstaben zugeordnet, das Kind erliest sich Wörter Laut für Laut.910
Was jetzt passt
- Erstlesebuch mit farbiger Silbentrennung
Kurze Zeilen, große Schrift, und Silben, die farblich auseinandertreten.3
Beim gemeinsamen Lesen
Das Vorlesen läuft parallel weiter. In diesem Alter wird es noch als angenehmer erlebt als das eigene Lesen: Die Geschichte kommt mühelos, während das Selberlesen noch Arbeit ist.3
- 7–8 Jahre · 2. Klasse

Illustration im Stil Feine Feder Das Wortbild sitzt
Die orthographische Stufe setzt ein: Wortbilder und Rechtschreibmuster werden automatisiert erkannt, das Erlesen Laut für Laut wird seltener.910
Was jetzt passt
- Erstlesebuch
- einfacher Kinderroman
- Comic
Comics sind hier ein niedrigschwelliger Einstieg: wenig Text je Bild, und die Handlung trägt sich zur Hälfte über die Zeichnung.3
Beim gemeinsamen Lesen
Vorgelesen wird weiter, und zwar über dem eigenen Leseniveau: So bleibt der Abstand zwischen dem, was ein Kind selbst lesen kann, und dem, was es verstehen kann, offen.3
- 8–10 Jahre
Vom Lesenlernen zum lesenden Lernen
Das Lesen hört auf, ein Ziel zu sein, und wird zum Werkzeug: Sachtexte, Anleitungen, Aufgabenstellungen.
In dieselbe Zeit fällt der erste Leseknick. Zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr sinken Leseintensität und Leseinteresse.11
Was jetzt passt
- Kinderroman
- Sachbuch
- Comic
- Reihe mit vielen Bänden
Eine Reihe nimmt die Entscheidung fürs nächste Buch ab. Das zählt genau in der Phase, in der das Interesse nachlässt.11
Beim gemeinsamen Lesen
Vorlesen und Selberlesen laufen nebeneinander. Stiftung Lesen empfiehlt, bis zum Ende der Grundschulzeit vorzulesen.3
- 10–12 Jahre

Illustration im Stil Graphic Novel Der zweite Leseknick
Zwischen dem elften und dreizehnten Lebensjahr folgt ein zweiter, stärkerer Leseknick. Bei Mädchen setzt er später ein und wirkt sich langfristig schwächer auf die Lesekompetenz aus als bei Jungen.11
Was jetzt passt
- Jugendroman
- Graphic Novel
- Sachbuch zum eigenen Thema
Die Auswahl geht jetzt weitgehend vom Kind aus. Was zählt, ist der Stoff, der es gerade beschäftigt.11
Beim gemeinsamen Lesen
Die Empfehlung von Stiftung Lesen reicht bis zum Ende der Grundschulzeit, am besten als festes Ritual.3 Danach ist das gemeinsame Lesen eine Frage dessen, was in der Familie noch gewünscht wird.
Zwei Fragen, auf die es keine belastbare Zahl gibt
Beide Fragen werden häufig gestellt, und beide lassen sich mit den frei zugänglichen Auswertungen nicht sauber beantworten. Hier steht, wie weit die Belege reichen und wo sie aufhören.
Wer liest vor, Mutter oder Vater?
Belegt
Die Richtung ist belegt: Mütter lesen häufiger vor als Väter. Belegt ist außerdem die Zusammensetzung der Stichprobe des Vorlesemonitors 2024. Befragt wurden 815 Elternteile, davon 72 Prozent Mütter und 28 Prozent Väter.12
Nicht belegbar
Eine belastbare aktuelle Prozentzahl zum Unterschied in der Vorlesehäufigkeit zwischen Müttern und Vätern steht in den frei zugänglichen Auswertungen nicht. Auch eine deutsche Studie zu der Frage, ob Väter anders vorlesen als Mütter, war nicht auffindbar.
Die 72 zu 28 Prozent aus der Stichprobe sagen etwas darüber, wer den Fragebogen ausgefüllt hat. Als Maß für die Vorlesehäufigkeit taugen sie nicht. Deshalb nennen wir an dieser Stelle keine Zahl.
Ab wann liest ein Kind selbst?
Belegt
Die Abfolge ist beschrieben: erst logographisches Wiedererkennen, dann die alphabetische Stufe mit der Zuordnung von Lauten zu Buchstaben, dann die orthographische Stufe mit automatisierten Wortbildern.910 Der Beginn liegt üblicherweise irgendwann in der ersten Klasse, bei manchen Kindern davor, bei manchen danach.
Nicht belegbar
Eine belastbare Verteilung mit Median und Streuung, also eine Angabe dazu, wie breit dieses Zeitfenster tatsächlich ist, war nicht auffindbar. Wer eine Monatsangabe sucht, an der sich das eigene Kind messen ließe, wird sie hier nicht finden.
Wo Fachleute uneinig sind
Drei Streitpunkte, die Eltern im Alltag begegnen. Jeweils mit beiden Seiten und mit dem Punkt, an dem sich die Lager tatsächlich trennen.
Bildschirm und Hörbuch: Ersatz oder Ergänzung?
Zurückhaltend
Offen für digitale Wege
Auf die Vorteile kombinierter Nutzung bei Leseschwäche wird ausdrücklich verwiesen: Wenn Hören und Lesen zusammenkommen, hilft das manchen Kindern über die Hürde.16
Silbenmethode oder Ganzwortmethode?
Kritik an der Ganzwortmethode
Die Ganzwortmethode überspringe die Buchstaben-Laut-Zuordnung und bringe Kinder dazu, Wörter auswendig zu erkennen. Bei einem unbekannten Wort trägt das dann nicht mehr.17
Heutiger Konsens
Der fachliche Konsens hat sich zu integrierten Verfahren verschoben: mit Lauten beginnen und rasch zu Silben zusammenführen.17
Lesen durch Schreiben nach Reichen?
Empirische Rechtschreibforschung
Eine Studie der Universität Bonn von 2018 findet am Ende der Grundschulzeit eine um 55 Prozent höhere Rechtschreibfehlerquote gegenüber Fibel-Unterricht. Mehrere Bundesländer haben die Methode daraufhin untersagt.18
Verfechter des Ansatzes
Sie halten am ursprünglichen Konzept fest und stehen damit den empirisch orientierten Rechtschreibforschern gegenüber.18
Häufig gefragt
Ab wann soll ich meinem Kind vorlesen?
Stiftung Lesen vertritt die Position, dass es für das Vorlesen kein zu früh gibt. In den ersten Monaten geht es dabei um Stimme, Nähe und Sprachmelodie; das Buch ist der Anlass dafür. Passend sind in dieser Zeit Kontrastbücher und Stoffbücher. Dass das Zuhören schon früh wirkt, zeigt eine US-Untersuchung an über 2.500 einkommensschwachen Familien: Bereits mit 14 Monaten hängt gemeinsames Bücherlesen mit dem Wortschatz des Kindes zusammen.
Mein Kind hört beim Vorlesen nicht zu, mache ich etwas falsch?
Vor etwa 18 Monaten ist ein Bild für ein Kind noch ein Gegenstand: Die Entwicklungspsychologin Judy DeLoache beschreibt, dass ein neun Monate altes Kind versucht, den Mund an ein abgebildetes Fläschchen zu legen. Anfassen, Blättern und Weglegen sind in dieser Zeit die normale Art, ein Buch zu benutzen. Erst ab etwa 18 Monaten zeigen Kinder auf das Bild und sprechen über das Abgebildete. Für Zwei- bis Dreijährige empfiehlt BiSS-Transfer ausdrücklich das freie Erzählen über die Bilder statt des Vorlesens Wort für Wort.
Ab wann liest mein Kind selbst?
Der Beginn ist stark individuell und liegt üblicherweise irgendwann in der ersten Klasse, bei manchen Kindern davor, bei manchen danach. Beschrieben ist die Abfolge: erst das logographische Wiedererkennen von Wörtern an äußeren Merkmalen, dann die alphabetische Stufe mit der Zuordnung von Lauten zu Buchstaben, dann die orthographische Stufe mit automatisierten Wortbildern. Eine belastbare Verteilung mit Median und Streuung, also eine verlässliche Angabe dazu, wie breit dieses Zeitfenster ist, war in den frei zugänglichen Quellen nicht auffindbar.
Wann hören wir mit dem Vorlesen auf?
Stiftung Lesen empfiehlt, bis zum Ende der Grundschulzeit vorzulesen, am besten als festes Ritual. Gerade in der ersten Klasse spricht einiges dafür weiterzumachen: Das Vorlesen wird in diesem Alter noch als angenehmer erlebt als das eigene Lesen, weil das Erlesen Laut für Laut anstrengend ist. Dazu kommt der Leseknick zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr, in dem Leseintensität und Leseinteresse nachlassen.
Zählt ein Hörbuch genauso wie Vorlesen?
Darüber sind Fachleute uneinig. Eine Auswertung findet beim Lesetempo keinen wesentlichen Unterschied zwischen Bildschirm und Papier, beim Verstehen schneidet Papier tendenziell besser ab. Medienpädagogische Stellungnahmen warnen vor unbegleiteter Nutzung im Kindesalter, während auf Vorteile kombinierter Nutzung bei Leseschwäche verwiesen wird. Der Streit dreht sich um die Frage, ob Bildschirm und Hörbuch das dialogische Element ersetzen können: das Nachfragen, Innehalten und gemeinsame Erzählen, das beim Vorlesen nebenherläuft.
Mein Kind will immer dasselbe Buch, ist das schlimm?
Eine Studie speziell zur Wiederholung desselben Buches haben wir in den geprüften Quellen nicht gefunden, deshalb steht hier keine Zahl. Was belegt ist: Bei Zwei- bis Dreijährigen steht das freie Erzählen über die Bilder im Vordergrund, und die Meta-Analyse über 16 Studien zum dialogischen Lesen findet einen mittleren Effekt auf den ausdrucksseitigen Wortschatz von d = 0,59. Dieses Erzählen über die Bilder funktioniert bei einem bekannten Buch genauso wie bei einem neuen.
Welches Buch passt zu welchem Alter?
Stiftung Lesen ordnet den Altersstufen folgende Bucharten zu: 0 bis 6 Monate Kontrastbuch und Stoffbuch, 6 bis 12 Monate Stoffbuch, Pappbuch und Fühlbuch, 1 bis 2 Jahre Pappbuch und Klappenbuch, 2 bis 3 Jahre Wimmelbuch, Reime und Mitmachbücher, 3 bis 4 Jahre Bilderbuch mit Handlung und Sachbuch zum Lieblingsthema, 5 bis 6 Jahre Vorlesegeschichte mit längerer zusammenhängender Handlung, ab der ersten Klasse Erstlesebuch mit farbiger Silbentrennung, danach einfache Kinderromane und Comics als niedrigschwelliger Einstieg.
Bringt Vorlesen noch etwas, wenn mein Kind schon selbst lesen kann?
Stiftung Lesen empfiehlt das Vorlesen bis zum Ende der Grundschulzeit, also deutlich über den Punkt hinaus, an dem ein Kind selbst lesen kann. In der ersten Klasse wird Vorlesen noch als angenehmer erlebt als das eigene Lesen. Zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr sinken Leseintensität und Leseinteresse ein erstes Mal, zwischen dem elften und dreizehnten folgt ein zweiter, stärkerer Leseknick, der bei Mädchen später einsetzt und sich langfristig schwächer auf die Lesekompetenz auswirkt als bei Jungen.
Eine Geschichte, in der das eigene Kind vorkommt
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Geschichte ausprobierenQuellen
- 1.Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Sprechen und Verstehen im ersten Lebensjahr, kindergesundheit-info.deBelegt: Die Sprachschritte im ersten Lebensjahr: Reaktion auf die Sprechweise ab etwa 2 Monaten, Gurren mit 2 Monaten, Quietschen und Brummen mit 3 Monaten, Silbenketten mit 5 bis 6 Monaten, Wortverständnis ab etwa 8 Monaten.
- 2.Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Sprachentwicklung, kindergesundheit-info.deBelegt: Erste Wörter zwischen 12 und 18 Monaten, 50 bis 200 Wörter mit 20 Monaten, Zwei- und Dreiwortsätze, Nebensätze mit vier bis fünf Jahren, über 3.000 Wörter bei Schuleintritt, vorübergehendes Stottern im vierten Lebensjahr.
- 3.Stiftung Lesen: Vorlesen in jedem AlterBelegt: Die Position, dass es kein zu früh für das Vorlesen gibt; die passenden Bucharten je Altersstufe; die Empfehlung, bis zum Ende der Grundschulzeit vorzulesen, am besten als festes Ritual.
- 4.Judy S. DeLoache: Becoming Symbol-Minded, Association for Psychological ScienceenglischsprachigBelegt: Neun Monate alte Kinder behandeln ein abgebildetes Fläschchen wie einen Gegenstand und versuchen, den Mund daran zu legen. Ab etwa 18 Monaten zeigen sie auf das Bild und sprechen über das Abgebildete.
- 5.Raikes et al. (2006): Mother-Child Bookreading in Low-Income Families, Child DevelopmentenglischsprachigBelegt: In einer Stichprobe von über 2.500 einkommensschwachen Familien hängt gemeinsames Bücherlesen bereits im Alter von 14 Monaten mit dem Wortschatz des Kindes zusammen.
- 6.BiSS-Transfer: Dialogisches Lesen, dialogische BilderbuchbetrachtungBelegt: Empfehlung des dialogischen Lesens für Kinder von 2 bis 6 Jahren; bei Zwei- bis Dreijährigen steht das freie Erzählen über die Bilder im Vordergrund; bei Vier- bis Fünfjährigen fällt die Wirkung bereits deutlich geringer aus.
- 7.Mol, Bus, de Jong & Smeets (2008): Added Value of Dialogic Parent-Child Book Readings, Meta-Analyse über 16 StudienenglischsprachigBelegt: Mittlerer Effekt des dialogischen Lesens auf den ausdrucksseitigen Wortschatz von d = 0,59.
- 8.Catharina Tibken: Phonologische Bewusstheit, Dissertation, Universität WürzburgBelegt: Die phonologische Bewusstheit entwickelt sich zuerst als Reimverständnis, dann als Erkennen von Silben, und gilt als einer der stärksten Einzelprädiktoren für den späteren Schriftspracherwerb.
- 9.Stufenmodell des Schriftspracherwerbs nach Frith und Günther, legasthenietherapie-info.deBelegt: Die Abfolge logographische, alphabetische und orthographische Stufe beim Lesen- und Schreibenlernen.
- 10.Okon (2023): Schriftspracherwerb, Universität Duisburg-EssenBelegt: Fachliche Darstellung derselben Stufenfolge des Schriftspracherwerbs, einschließlich der Automatisierung von Wortbildern auf der orthographischen Stufe.
- 11.wirlesen.org: Leselust statt LeseknickBelegt: Erster Leseknick zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr, zweiter, stärkerer zwischen dem elften und dreizehnten; bei Mädchen setzt er später ein und wirkt sich langfristig schwächer auf die Lesekompetenz aus als bei Jungen.
- 12.Vorlesemonitor 2024 von Stiftung Lesen, DIE ZEIT und Deutsche Bahn StiftungBelegt: 32,3 Prozent der Ein- bis Achtjährigen bekommen selten oder nie vorgelesen, 18 Prozent nie; 37 Prozent der Eltern mit formal niedriger Bildung lesen seltener als einmal pro Woche vor; 74 Prozent der Eltern, denen selbst vorgelesen wurde, lesen mindestens mehrmals pro Woche vor; befragt wurden 815 Elternteile, davon 72 Prozent Mütter und 28 Prozent Väter.
- 13.Ludewig et al. (2023): IGLU 2021 kompakt, pedocsBelegt: Deutsche Viertklässler erreichen im Mittel 524 Punkte Lesekompetenz gegenüber 539 im Jahr 2001; ein Viertel verfehlt den Mindeststandard; Mädchen liegen 15 Punkte vor Jungen; deutsche Schulen wenden 141 Minuten pro Woche für leseorientierte Aktivitäten auf, international sind es 200; Datenbasis 4.611 Viertklässler aus 252 Klassen.
- 14.Logan et al. (2019): When Children Are Not Read to at Home, Ohio State University, Journal of Developmental & Behavioral PediatricsenglischsprachigBelegt: Rechnerisch hört ein Kind, dem nie vorgelesen wird, bis zum fünften Geburtstag etwa 4.662 Wörter aus Büchern; bei fünf vorgelesenen Büchern täglich sind es rund 1.483.300.
- 15.Faktencheck des Mercator-Instituts für Sprachförderung, Deutsches SchulportalBelegt: Beim Lesetempo findet sich kein wesentlicher Unterschied zwischen Bildschirm und Papier; beim Verstehen schneidet Papier tendenziell besser ab.
- 16.Pädagogikblog: Digitale Medien im Kindesalter, eine kontrovers geführte DebatteBelegt: Medienpädagogische Stellungnahmen warnen vor unbegleiteter Nutzung im Kindesalter; dagegen wird auf Vorteile kombinierter Nutzung bei Leseschwäche verwiesen.
- 17.Praxis Förderdiagnostik: Keine Silben, zur Kritik an der GanzwortmethodeBelegt: Die Kritik, die Ganzwortmethode überspringe die Buchstaben-Laut-Zuordnung und bringe Kinder dazu, Wörter auswendig zu erkennen; die Verschiebung des fachlichen Konsenses hin zu integrierten Verfahren, die mit Lauten beginnen und rasch zu Silben zusammenführen.
- 18.news4teachers (2018): Studie, die Fibel führt zu besserer Rechtschreibung, Bericht über eine Untersuchung der Universität BonnBelegt: Um 55 Prozent höhere Rechtschreibfehlerquote am Ende der Grundschulzeit bei Lesen durch Schreiben gegenüber Fibel-Unterricht; mehrere Bundesländer haben die Methode daraufhin untersagt. Die Primärstudie war für uns nur über diese Sekundärberichterstattung zugänglich.
Alle Quellen abgerufen am 11. September 2026. Fehlt eine Angabe oder hat sich etwas geändert? Schreib uns: wir korrigieren und vermerken das Datum.
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