Motiv · Tiere
Kinderbücher über Tiere: sechs Tipps, und ein Befund, der überrascht
6 geprüfte Buchtipps · 3 Quellen

Warum ausgerechnet Tiere
Ein Tier hat kein Alter, kein Geschlecht, keine Hautfarbe und keine Herkunft, die ein Kind von sich selbst unterscheiden könnte. Ein Kaninchen im Ringelpullover ist niemand Bestimmtes, und genau deswegen kann jedes Kind sich hineinsetzen. Das ist der praktische Grund, warum Verlage seit Generationen zum Tier greifen.
Dazu kommt die Distanz. Ein Streit unter Mäusen liegt weit genug weg, dass ein Kind ihn ansehen kann, ohne sich ertappt zu fühlen. Deshalb stehen bei schwierigen Themen so oft Tiere auf dem Umschlag: beim Sterben, beim Wütendsein, beim Ausgeschlossenwerden.
Beides gilt weiter. Was nicht gilt, ist die Annahme, dass sprechende Tiere in jeder Hinsicht genauso gut wirken wie Menschen. Dazu unten mehr.
Sechs Tierbücher, von eins bis sechs Jahren
Keine Rangfolge. Die Altersangaben stammen vom Verlag der genannten Ausgabe. Die Liste deckt bewusst die ganze Spanne ab, weil sich unter „Tierbuch“ für einen Einjährigen etwas völlig anderes verbirgt als für einen Sechsjährigen.
Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat
Werner Holzwarth, illustriert von Wolf Erlbruch · Peter Hammer Verlag 1989 · ab 2 Jahren
Der Klassiker unter den Tierbüchern, und ein Sachbuch im Kostüm: Jede Seite zeigt, wie der Kot eines anderen Tieres aussieht, und Kinder merken sich das mit einer Genauigkeit, die Eltern erschreckt. Dass es dabei ununterbrochen um Kacke geht, ist der Grund für den Erfolg und für das Kichern.
Die Maus sucht ein Haus
Petr Horáček · Fischer Sauerländer · ab 2 Jahren
Ein Pappbuch mit ausgestanzten Löchern, durch die man schon sieht, wohin die Maus als Nächstes geht. Für Zweijährige ist genau dieses Vorauswissen der Reiz: Sie wissen etwas vor der Figur und dürfen es sagen.
Die kleine Raupe Nimmersatt
Eric Carle · Gerstenberg 1969 · ab 2 Jahren
Das meistverkaufte Tierbuch der Welt, und es kann mehr als es aussieht: Wochentage, Zählen, und am Ende eine echte Verwandlung. Die Fraßlöcher in den Seiten sind der Teil, den Kinder anfassen wollen, und der Grund, warum das Buch in Pappe gehört.
Kleiner Eisbär, wohin fährst du?
Hans de Beer · NordSüd 1987 · ab 4 Jahren
Eine richtige Reisegeschichte mit Anfang, Ferne und Heimkehr, erzählt an einem Tier, das ein Kind nie im Zoo nebenan sieht. Für Vierjährige ist der Reiz die Entfernung: Lars kommt an einen Ort, der nichts mit seinem eigenen zu tun hat, und findet trotzdem zurück.
Der Findefuchs
Irina Korschunow · dtv 1982 · ab 5 Jahren
Ein Fuchsjunges verliert seine Mutter und wird von einer fremden Füchsin angenommen. Das Buch redet nichts schön, der Anfang ist hart, und trotzdem ist es eines der wärmsten Bücher über Familie, die es gibt. Geeignet für Kinder, die nach dem Warum fragen.
Der Grüffelo
Julia Donaldson, illustriert von Axel Scheffler · Beltz & Gelberg 1999 · ab 4 Jahren
Die Maus erfindet ein Ungeheuer, um nicht gefressen zu werden, und trifft es dann. Der Reim trägt das Buch durch das hundertste Vorlesen, und die Idee dahinter ist eine der wenigen, die ein Kind wirklich mitnehmen kann: Wer klein ist, kann trotzdem etwas ausrichten.
Der Befund, der gegen die Gewohnheit spricht
Sprechende Tiere gelten als der beste Weg, Kindern etwas beizubringen. Zwei Untersuchungen legen nahe, dass das für zwei bestimmte Ziele gerade nicht stimmt.
Beim Teilen. Larsen, Lee und Ganea lasen Kindern im Vorschulalter eine Geschichte über das Teilen vor, einmal mit menschlichen Figuren und einmal mit vermenschlichten Tieren. Nach der Fassung mit Menschen gaben die Kinder messbar mehr ab. Nach der Tierfassung und nach einer Kontrollgeschichte gaben sie weniger. Von den Kindern, die die Tierfassung gehört hatten, teilten am ehesten diejenigen mehr, die den Tieren menschliche Eigenschaften zuschrieben.1
Beim Wissen über echte Tiere. Ganea und Kolleginnen zeigten Kindern Bücher über ein ihnen unbekanntes Tier, einmal mit sachlicher Sprache und realistischen Bildern, einmal mit vermenschlichter Sprache und einem Tier in Kleidung. Die vermenschlichte Fassung führte bei den jüngeren Kindern zu weniger gelerntem Sachwissen, und sie machte es wahrscheinlicher, dass die Kinder auch echten Tieren menschliche Eigenschaften zuschrieben.2
Was daraus folgt, und was nicht. Es folgt nicht, dass Tierbücher schlecht wären. Der Grüffelo bleibt der Grüffelo. Es folgt etwas Praktischeres: Wenn eine Geschichte eine soziale Lektion transportieren soll, also Teilen, Trösten oder Streitschlichten, dann spricht die Evidenz für eine menschliche Hauptfigur. Und wenn ein Kind etwas über Igel erfahren soll, dann über einen Igel, der keine Mütze trägt.
Oder eine eigene Geschichte
Wenn das Kind selbst darin vorkommen soll
- Das Kind findet ein verletztes Tier im Garten und muss herausfinden, was es frisst, wo es schläft und wann es wieder allein zurechtkommt.
- Ein Zoo bekommt über Nacht ein Tier, das niemand kennt. Das Kind ist das einzige, das geduldig genug ist, es zu beobachten.
- Das Kind übernimmt eine Woche lang die Verantwortung für das Haustier der Nachbarn und merkt, dass Füttern der kleinste Teil davon ist.
Häufige Fragen
- Warum sind in Kinderbüchern so oft Tiere die Hauptfigur?
- Weil ein Tier kein Alter, kein Geschlecht und keine Herkunft hat, die ein Kind von sich selbst unterscheiden könnte. Jedes Kind kann sich hineinsetzen. Dazu kommt die Distanz: Ein Streit unter Mäusen liegt weit genug weg, dass ein Kind ihn ansehen kann, ohne sich ertappt zu fühlen. Deshalb stehen bei schwierigen Themen so oft Tiere auf dem Umschlag.
- Lernen Kinder von sprechenden Tieren weniger?
- Für zwei Ziele deutet die Forschung darauf hin. Bei einer Geschichte über das Teilen gaben Vorschulkinder nach der Fassung mit menschlichen Figuren mehr ab als nach der Fassung mit vermenschlichten Tieren. Und beim Sachwissen über ein unbekanntes Tier lernten jüngere Kinder aus der vermenschlichten Fassung weniger. Für Unterhaltung, Sprache und Rhythmus sagt das nichts aus.
- Welches Tierbuch passt zu welchem Alter?
- Ab zwei ein Pappbuch, bei dem das Anfassen die Tätigkeit ist, etwa Die Maus sucht ein Haus oder Die kleine Raupe Nimmersatt. Ab vier eine richtige Geschichte mit Reise oder Wendung, etwa Der Grüffelo oder Kleiner Eisbär. Ab fünf darf es ernst werden, etwa Der Findefuchs.
- Sind Tierbücher gut, um schwierige Themen anzusprechen?
- Ja, und aus einem bestimmten Grund: Das Tier schafft Abstand. Ein Kind kann über die Angst des Fuchses reden, bevor es über die eigene reden kann. Wenn es allerdings um eine konkrete soziale Handlung geht, die das Kind selbst übernehmen soll, spricht die vorhandene Evidenz für eine menschliche Hauptfigur.
Quellen
- 1.Larsen, N. E., Lee, K. & Ganea, P. A. (2018): Do storybooks with anthropomorphized animal characters promote prosocial behaviors in young children? Developmental Science 21(3). Englischsprachig.Belegt: Vorschulkinder gaben nach einer Teilen-Geschichte mit menschlichen Figuren messbar mehr ab als nach derselben Geschichte mit vermenschlichten Tieren; wer den Tieren menschliche Eigenschaften zuschrieb, teilte eher.
- 2.Ganea, P. A., Canfield, C. F., Simons-Ghafari, K. & Chou, T. (2014): Do cavies talk? The effect of anthropomorphic picture books on children's knowledge about animals. Frontiers in Psychology 5:283. Englischsprachig, frei zugänglich.Belegt: Vermenschlichte Sprache und Bilder führten bei jüngeren Kindern zu weniger gelerntem Sachwissen über ein unbekanntes Tier und erhöhten die Neigung, auch echten Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.
- 3.Larsen, N. E., Lee, K. & Ganea, P. A. (2018), Volltext als PDF beim Language and Learning Lab der University of Toronto.Belegt: Versuchsaufbau, Stichprobe und vollständige Ergebnisse der Teilen-Studie.
Weitere Motive: Dinosaurier, Hexen, Einhörner, Feuerwehr. Passend dazu: Gefühle benennen, Wenn das Haustier stirbt. Oder ins Magazin, zu den Entwicklungsthemen und zu allen Kunststilen.