Entwicklungsthema · 1–4 Jahre
Schnuller abgewöhnen: ab wann, und wie
8 Min. Lesezeit5 Quellen · abgerufen am 12. September 2026
Die kurze Antwort
Ein Abend mit Geschrei richtet nichts an. Veränderungen am Gebiss entstehen über Monate und Jahre, nicht über eine Nacht.2
Fachlich unstrittig ist die Richtung: Je früher der Schnuller weg ist, desto geringer das Risiko und desto besser bildet sich zurück, was schon entstanden ist.2
Beim konkreten Alter widersprechen sich die Fachrichtungen allerdings, und dieser Widerspruch steht unten ausgeschrieben. Beim Vorgehen sind sich dagegen alle einig: schrittweise reduzieren, kalter Entzug nur als letzter Ausweg.3
Was das Nuckeln mit dem Gebiss macht
Die belastbarste Arbeit dazu ist ein systematisches Review aus dem Jahr 2018. Es findet einen offenen Biss deutlich häufiger bei Kindern, die den Schnuller länger als 36 Monate benutzt haben. Beim Kreuzbiss stehen 25,5 Prozent bei später Entwöhnung gegen 15,5 Prozent bei Entwöhnung vor 36 Monaten. Eine Entwöhnung bis zum zweiten Geburtstag schneidet klar besser ab als eine zwischen drei und vier.2
Eine Warnung zu Zahlen, die im Netz kursieren. Auf zahlreichen Praxisseiten stehen Angaben wie 14, 36 und 71 Prozent für Fehlstellungen nach bestimmten Nutzungsdauern. Wir haben für diese Zahlen keine Primärquelle gefunden. Sie stehen deshalb hier nicht, auch wenn sie überall zu lesen sind.
Bemerkenswert ist außerdem, was die Fachgesellschaften nicht sagen. Die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie nennt Untersuchungszeitpunkte, aber kein konkretes Abgewöhnungsalter.1 Eine gemeinsame Altersvorgabe aller Fachgesellschaften existiert nicht.
Und die Sprachentwicklung?
Hier ist die Lage dünner, als der Ton mancher Ratgeber vermuten lässt. Logopädische Fachtexte und kinderärztliche Informationen beschreiben einen plausiblen Weg über die Zungenlage und die Artikulation: Ein Schnuller im Mund hält die Zunge unten, und das kann bestimmte Laute erschweren.4
Was fehlt, sind große kontrollierte Studien, die diesen Zusammenhang direkt messen. Der Weg ist also nachvollziehbar begründet und nicht bewiesen. Wer daraus Dringlichkeit ableitet, sollte das wissen.
Sechs Dinge, die im Alltag tragen
- Früh anfangen zu reduzieren. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte nennt den siebten Lebensmonat als Zeitpunkt, ab dem man beginnen kann.3
- In Stufen statt auf einmal. Erst bestimmte Situationen, dann Tageszeiten, zuletzt das Einschlafen.3
- Das Kind übergeben lassen. Aktiv weggeben wird gegenüber heimlichem Verschwindenlassen bevorzugt.
- Den Zeitpunkt nicht auf einen Umbruch legen. Nicht gleichzeitig mit Kitastart, Umzug oder einem Geschwisterkind.
- Nicht zurückrudern, wenn eine Nacht schwer war. Ein Rückschritt nach zwei Tagen macht die nächste Runde schwerer.
- Im ersten Lebensjahr nichts erzwingen. Dazu siehe den Hinweis unten zum plötzlichen Kindstod.
Im ersten Lebensjahr gilt etwas anderes
Der Schnuller beim Einschlafen senkt im ersten Lebensjahr das Risiko für den plötzlichen Kindstod deutlich. Die deutsche Studie dazu berichtet eine Verringerung um rund 60 Prozent.5
Daraus folgt zweierlei: Im ersten Lebensjahr ist der Schnuller zum Einschlafen kein Problem, sondern ein Schutz. Und wenn er nachts herausfällt, wird er nicht wieder hineingeschoben.
Was Fachleute unterschiedlich sehen
Wir haben bei diesem Thema nach den üblichen Streitpunkten gesucht und die meisten davon nicht gefunden. Das gehört genauso hierhin wie eine Kontroverse.
Schnullerfee ja oder nein: keine fachliche Gegenposition auffindbar, nur Konsens mit Stilunterschieden. Kalter Entzug gegen schrittweise: ebenfalls kein Streit, alle geprüften Quellen empfehlen schrittweise, kalter Entzug gilt als letztes Mittel bei etwa Vierjährigen.3
Eine reale Diskrepanz gibt es, und sie betrifft das Alter:
| Richtung | Kernaussage | Folge für die Geschichte |
|---|---|---|
| Zahnmedizinisch und kinderärztlichBerufsverband der Kinder- und Jugendärzte; kieferorthopädische Übersichtsarbeiten | Beginnen ab dem siebten Lebensmonat, weg spätestens zum dritten Geburtstag. Das Review von 2018 sieht die kritische Schwelle bei 36 Monaten Nutzungsdauer. | Die Geschichte setzt keinen Termin, sie beschreibt den Weg dorthin. |
| SprachentwicklungsorientiertLogopädische Fachtexte | Tagsüber weg ab dem ersten Geburtstag, nachts ab dem zweiten. Also rund ein Jahr früher als die zahnmedizinische Empfehlung. | Wir nennen beide Zeitpunkte und legen uns nicht auf einen fest. |
Worin sich alle einig sind
- Je früher weg, desto geringer das Risiko und desto besser die Rückbildung.
- Schrittweise reduzieren statt kalt entziehen.
- Das Kind den Schnuller aktiv übergeben lassen.
- Im ersten Lebensjahr zum Einschlafen nichts erzwingen.
- Nicht gleichzeitig mit einem anderen Umbruch beginnen.
Der Streitpunkt ist das Alter, und er verläuft zwischen den Fachrichtungen. Zahnmedizinisch und kinderärztlich orientierte Quellen setzen die Grenze bei spätestens drei Jahren.3 Sprachentwicklungsorientierte Quellen setzen sie rund ein Jahr früher: tagsüber ab dem ersten Geburtstag, nachts ab dem zweiten.4
Eine gemeinsame Vorgabe aller Fachgesellschaften gibt es nicht. Wer in einem Ratgeber eine einzelne Zahl liest, liest die Zahl einer Fachrichtung.
Einschränkung zur Quellenlage: Die Stellungnahmen der Fachgesellschaften zu Schnuller und Fehlstellung sind dünner, als wir erwartet hatten. Tragend sind hier Übersichtsarbeiten aus der Fachliteratur und Verbandsinformationen, keine geschlossenen Leitlinien.
Wann ein Buch nicht reicht
Lassen Sie beim nächsten Termin daraufschauen, wenn Ihr Kind nach dem dritten Geburtstag noch tagsüber nuckelt, wenn Ihnen ein offener Biss auffällt, also die Schneidezähne bei geschlossenem Mund nicht aufeinandertreffen, oder wenn bestimmte Laute auffällig undeutlich bleiben.
Der zahnärztliche Blick darauf kostet nichts und ist bei den ohnehin anstehenden Untersuchungen schnell erledigt.
Wie eine Geschichte dabei hilft
Ob Vorlesen beim Abgewöhnen hilft, ist nicht belegt. Es gibt einen ganzen Buchmarkt zu diesem Thema, aber keine Untersuchung, die diese Bücher als Methode geprüft hätte. Was belegt ist, betrifft Vorleserituale allgemein, nicht diesen Anlass.
Was eine Geschichte trotzdem kann: den Ablauf vorher zeigen. Ein Kind, das weiß, was als Nächstes wegfällt, wehrt sich weniger als eines, dem etwas entzogen wird.
Für die Geschichte gilt deshalb eine Regel:
Der Schnuller wird nicht schlechtgemacht und die erste Nacht nicht schöngeredet. Ein Buch, das behauptet, es sei leicht, verliert das Kind beim ersten Abend.
- 1–2
Der Schnuller gehört dazu
Ohne Wertung. Er ist wichtig, und das wird ernst genommen.
- 3
Nicht überall
Erste Stufe: draußen bleibt er in der Tasche.
- 4
Das klappt
Jemand bemerkt es und sagt es laut.
- 5
Nur noch zum Schlafen
Zweite Stufe. Angekündigt, nicht überfallartig.
- 6
Der schwere Nachmittag
Es geht nicht immer gut. Auch das steht drin.
- 7
Die Entscheidung
Das Kind entscheidet, wann er ganz geht.
- 8
Die Übergabe
Aktiv weggeben, an einen Ort, den das Kind aussucht.
- 9
Die erste Nacht
Schwer. Wird nicht beschönigt und nicht dramatisiert.
- 10
Jemand bleibt
Kein Zurücknehmen, aber auch kein Alleinsein.
- 11
Der zweite Abend
Etwas leichter. Der Unterschied wird benannt.
- 12
Vermissen darf man
Das Gefühl bleibt erlaubt, auch ohne Rückgabe.
- 13
Etwas anderes zum Halten
Ein Ersatz, der kein Ersatz für den Trost ist.
- 14
Der Schluss
Das Kind hat es selbst geschafft, und es weiß das.
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Geschichte kostenlos lesenHäufig gefragt
Ab welchem Alter soll der Schnuller weg sein?
Da widersprechen sich die Fachrichtungen. Zahnmedizinisch und kinderärztlich orientierte Quellen sagen spätestens zum dritten Geburtstag. Sprachentwicklungsorientierte Quellen sagen rund ein Jahr früher: tagsüber ab dem ersten Geburtstag, nachts ab dem zweiten. Eine gemeinsame Vorgabe aller Fachgesellschaften gibt es nicht.
Schadet der Schnuller den Zähnen?
Bei langer Nutzung ja. Ein systematisches Review von 2018 findet einen offenen Biss deutlich häufiger bei Nutzung über 36 Monate, beim Kreuzbiss 25,5 gegenüber 15,5 Prozent. Je früher die Entwöhnung, desto besser bildet sich zurück, was entstanden ist.
Stimmt es, dass 71 Prozent der Kinder Fehlstellungen bekommen?
Diese und ähnliche Zahlen stehen auf vielen Praxisseiten, wir haben dafür aber keine Primärquelle gefunden. Wir zitieren sie deshalb nicht. Belegt ist das Review von 2018 mit den Zahlen zum Kreuzbiss.
Besser auf einmal wegnehmen oder schrittweise?
Hier sind sich alle geprüften Quellen einig: schrittweise. Kalter Entzug gilt als letztes Mittel bei etwa Vierjährigen, die anders nicht davon loskommen. Wir haben zu dieser Frage keine fachliche Gegenposition gefunden.
Funktioniert die Schnullerfee?
Dazu gibt es keine fachliche Bewertung, weder dafür noch dagegen. Was durchgängig bevorzugt wird, ist, dass das Kind den Schnuller aktiv weggibt, statt dass er heimlich verschwindet. Ob dabei eine Fee mitspielt, ist Geschmackssache.
Mein Baby ist noch keine zwölf Monate alt. Soll ich schon anfangen?
Im ersten Lebensjahr nicht erzwingen. Der Schnuller beim Einschlafen senkt in dieser Zeit das Risiko für den plötzlichen Kindstod um rund 60 Prozent. Fällt er nachts heraus, wird er allerdings nicht wieder hineingeschoben.
Quellen
- 1.Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie: Stellungnahme zu Untersuchungszeitpunkten.Belegt: Nennt Untersuchungszeitpunkte, aber kein konkretes Abgewöhnungsalter.
- 2.Schmid, K. u. a. (2018): Systematisches Review, Progress in Orthodontics. Englischsprachig.Belegt: Offener Biss deutlich häufiger bei Nutzung über 36 Monate; Kreuzbiss 25,5 Prozent bei später gegenüber 15,5 Prozent bei früherer Entwöhnung; Entwöhnung bis zwei Jahre klar günstiger als zwischen drei und vier.
- 3.Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, kinderaerzte-im-netz.de.Belegt: Beginn des Reduzierens ab dem siebten Lebensmonat, spätestens zum dritten Geburtstag; schrittweises Vorgehen, kalter Entzug als letztes Mittel.
- 4.Deutscher Bundesverband für Logopädie, Fachinformationen zu Schnuller und Artikulation.Belegt: Plausibler Zusammenhang über Zungenlage und Artikulation; frühere Altersempfehlung als die zahnmedizinische, ohne große kontrollierte Studien.
- 5.Jorch, G. u. a. (2010): Ergebnisse der GeSID-Studie zum plötzlichen Kindstod.Belegt: Der Schnuller beim Einschlafen senkt im ersten Lebensjahr das Risiko um rund 60 Prozent; er soll nicht zurückgeschoben werden, wenn er herausfällt.
Alle Quellen abgerufen am 12. September 2026. Fehlt eine Angabe oder hat sich etwas geändert? Schreib uns: wir korrigieren und vermerken das Datum.
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