Entwicklungsthema · 3–10 Jahre
Freundschaft: ab wann, und was tun, wenn mein Kind keine findet?
9 Min. Lesezeit4 Quellen · abgerufen am 12. September 2026
Die kurze Antwort
Ab wann Kinder Freundschaften schließen
Schon Babys sind von anderen Kindern fasziniert, und mit dem Alter wird das Spiel mit Gleichaltrigen wichtiger. Dabei lernen Kinder, wie Umgang miteinander funktioniert.1
Etwa ab drei können Kinder von sich aus Kontakt aufnehmen und erste Freundschaften schließen. Gegen Ende des vierten Lebensjahres kommt die Fähigkeit dazu, sich vorzustellen, dass andere anders fühlen, denken und handeln. Die Ichbezogenheit der ersten Jahre wandelt sich allmählich in Interesse an anderen, und Freundschaften aus dieser Zeit können Monate oder sogar Jahre halten.1
Das heißt zugleich: Vor drei gibt es Spielpartner, keine Freunde im Sinn der Erwachsenen. Ein Zweijähriger, der neben einem anderen spielt statt mit ihm, entwickelt sich normal.
Warum ein Vierjähriger etwas anderes meint als ein Zehnjähriger
Das Wort bleibt gleich, der Inhalt nicht. Der Entwicklungspsychologe Robert Selman hat Kindern Dilemmageschichten vorgelegt und aus ihren Antworten Stufen des Freundschaftsverständnisses beschrieben.2 Verkürzt und mit den üblichen Altersspannen, die sich stark überlappen:
Freundschaft als Augenblick. Freund ist, wer gerade neben mir sitzt und mitspielt. Räumliche Nähe entscheidet. Gestern ein anderer, morgen wieder ein anderer.
Freundschaft als einseitige Hilfe. Ein Freund ist jemand, der tut, was ich will. Gegenseitigkeit ist noch nicht mitgedacht.
Freundschaft als Schönwetter-Kooperation. Jetzt zählt, dass beide etwas davon haben. Ein Streit kann die Freundschaft aber noch beenden, weil sie am Funktionieren hängt.
Freundschaft als vertrauter Austausch. Erst hier kommt Anvertrauen dazu, und damit auch die Kränkung, wenn ein Geheimnis weitergegeben wird.
Was daraus praktisch folgt: Wenn ein Fünfjähriger sagt, jemand sei nicht mehr sein Freund, ist das selten eine Trennung. Es ist oft eine Beschreibung des Nachmittags. Und wenn ein Neunjähriger dasselbe sagt, kann es sehr ernst sein.
Was tun, wenn ein Kind keinen Anschluss findet
Das ist der häufigste Grund, aus dem Eltern zu diesem Thema suchen, und die ehrlichste Antwort lautet: Freundschaft lässt sich nicht herstellen. Was sich herstellen lässt, sind die Voraussetzungen.
Gelegenheit. Freundschaften entstehen aus Wiederholung. Ein Kind, das dieselben anderen Kinder regelmäßig trifft, hat bessere Chancen als eines, das jede Woche in eine neue Gruppe kommt. Ein wiederkehrender Nachmittag mit einem einzigen Kind bringt mehr als ein großer Geburtstag.
Der Anfang ist das Schwierige. Viele Kinder wissen nicht, wie man dazukommt. Das ist erlernbar und lässt sich üben, indem man es benennt: hingehen, kurz zuschauen, mit etwas einsteigen, was gerade passiert. Fragen, ob man mitspielen darf, ist dabei oft der schlechtere Weg, weil es eine Antwort mit Nein möglich macht.
Eine Freundin genügt. Beliebtheit und Freundschaft sind zwei verschiedene Dinge. Ein Kind mit einer einzigen festen Beziehung ist nicht schlechter dran als eines, das viele kennt.
Was wir nicht behaupten: Dass ein Buch einem Kind Freunde verschafft. Es kann den Ablauf zeigen und ein Gespräch eröffnen. Mehr lässt sich mit dem, was wir an Belegen gefunden haben, nicht sagen.
Streit unter Freunden, und wann Eltern eingreifen
Streit gehört dazu, und er ist die Übung. Kinder lernen beim Aushandeln mehr über Beziehungen als beim harmonischen Spielen. Wer jeden Konflikt für sein Kind löst, nimmt ihm genau diese Übung ab.
Die Grenze verläuft beim Gefälle, nicht beim Streit. Ein Streit hat zwei Seiten, die beide etwas wollen. Wenn immer dasselbe Kind nachgibt, ausgeschlossen oder ausgelacht wird, ist das kein Streit mehr, und dann ist Einmischung richtig.
Praktisch heißt das: erst zuhören, ohne sofort zu bewerten. Kinder erzählen Konflikte aus ihrer Perspektive, und die Antwort „dann spiel doch mit jemand anderem“ beendet das Gespräch, bevor es angefangen hat.
Was Fachleute unterschiedlich sehen
| Richtung | Kernaussage | Folge für die Geschichte |
|---|---|---|
| EntwicklungspsychologischSelman und die daran anschließende Forschung, zusammengefasst im Dorsch, Lexikon der Psychologie | Das Freundschaftsverständnis durchläuft Stufen und hängt an der Fähigkeit zur Perspektivübernahme. Was ein Kind unter einem Freund versteht, ist altersgebunden. | Die Geschichte muss zum Alter passen. Für Fünfjährige ein gemeinsames Tun, für Neunjährige ein Vertrauensbruch, der wieder gutgemacht wird. |
| GesundheitsaufklärungBundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kindergesundheit-info.de | Ab etwa drei Jahren nehmen Kinder selbst Kontakt auf und schließen erste Freundschaften. Das Spiel mit Gleichaltrigen ist der Ort, an dem der Umgang miteinander gelernt wird. | Was Eltern beitragen, ist Gelegenheit: regelmäßige Treffen mit denselben Kindern, nicht möglichst viele verschiedene. |
| BeziehungsorientiertHeidbrink, Journal für Psychologie, zu Freundschaftsbeziehungen | Freundschaft ist eine freiwillige Beziehung unter Gleichen. Sie unterscheidet sich dadurch grundsätzlich von der Eltern-Kind-Beziehung. | Weil sie freiwillig ist, lässt sie sich von außen weder anordnen noch reparieren. Eltern können den Rahmen setzen, nicht die Beziehung. |
Worin sich alle einig sind
- Vor etwa drei Jahren gibt es Spielpartner, noch keine Freundschaften im engeren Sinn.
- Was ein Kind unter Freundschaft versteht, ändert sich mit dem Alter grundlegend.
- Freundschaft lässt sich nicht anordnen. Eltern stellen Gelegenheit und Zeit bereit.
- Streit gehört dazu und ist die eigentliche Übung.
- Ein einziger fester Freund ist genug. Beliebtheit ist etwas anderes als Freundschaft.
Wann ein Buch nicht reicht
Wenn ein Kind über Wochen nicht in die Gruppe kommt, wenn es nicht mehr in die Kita oder Schule gehen will, wenn es körperliche Beschwerden entwickelt, die an Schultagen auftreten und am Wochenende verschwinden, oder wenn dasselbe Kind wiederholt ausgeschlossen, ausgelacht oder bedrängt wird, dann gehört das besprochen, und zwar zuerst mit der Einrichtung.
Ausgrenzung, die sich wiederholt und einseitig ist, geht selten von allein weg. Sie ist etwas anderes als ein Streit, und sie braucht Erwachsene, die hinschauen.
Wie eine Geschichte dabei hilft
Ob Vorlesen Freundschaften erleichtert, haben wir nicht belegt gefunden. Was wir gefunden haben, ist ein Befund, der die Bauform betrifft: In einer Untersuchung zum Teilen gaben Vorschulkinder nach einer Geschichte mit menschlichen Figuren mehr ab als nach derselben Geschichte mit vermenschlichten Tieren.4
Für ein Buch über Freundschaft spricht das gegen die sprechende Maus und für ein Kind, das aussieht wie das vorlesende Kind.
Für die Geschichte gilt deshalb eine Regel:
Die Freundschaft geht in der Mitte kaputt. Ohne diesen Bruch ist die Versöhnung am Ende nichts wert, und genau sie ist der Teil, den ein Kind braucht.
- 1–2
Das Kind allein
Am Rand, mit etwas, das es gern macht. Ohne Mitleid im Ton.
- 3
Da ist jemand
Ein zweites Kind, das dasselbe interessant findet. Mehr passiert noch nicht.
- 4
Der erste Satz
Wie man anfängt, konkret. Einsteigen in das, was schon läuft.
- 5
Zusammen etwas tun
Kein Reden über Freundschaft. Etwas bauen, suchen, verstecken.
- 6
Es läuft
Ein paar Tage, in denen es leicht ist. Kurz, damit der Bruch trifft.
- 7
Der Bruch
Etwas geht schief. Keine Bosheit, ein Missverständnis oder ein gebrochenes Versprechen.
- 8
Getrennt
Beide sind für sich. Beiden geht es schlecht, nicht nur einem.
- 9
Niemand hat recht
Die Geschichte verteilt keine Schuld. Das ist die schwerste Seite.
- 10
Der erste Schritt zurück
Einer geht hin. Ohne große Entschuldigungsrede, mit etwas Konkretem.
- 11
Wieder zusammen
Anders als vorher, nicht wie vorher. Das ist der Unterschied.
- 12
Noch jemand
Ein drittes Kind kommt dazu. Freundschaft wird dadurch nicht weniger.
- 13
Der Alltag
Nichts Besonderes mehr. Genau das ist das Ziel.
- 14
Der Schluss
Beide machen etwas, das nur sie beide verstehen. Ohne Moralsatz.
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Geschichte kostenlos erstellenHäufig gefragt
Ab welchem Alter haben Kinder echte Freunde?
Etwa ab drei Jahren nehmen Kinder von sich aus Kontakt auf und schließen erste Freundschaften. Gegen Ende des vierten Lebensjahres können sie sich vorstellen, dass andere anders fühlen und denken als sie selbst, und damit wird aus einem Spielpartner ein Freund. Solche Freundschaften können Monate oder Jahre halten. Davor spielen Kinder eher nebeneinander als miteinander, und das ist normal.
Mein Kind sagt, es hat keine Freunde. Was tun?
Erst zuhören, ohne sofort zu bewerten, und dabei nach dem Alter unterscheiden: Bei Fünfjährigen beschreibt der Satz oft nur den heutigen Nachmittag, bei Neunjährigen kann er sehr ernst gemeint sein. Was hilft, ist Gelegenheit: derselbe Nachmittag mit demselben Kind, wiederholt. Ein einzelnes verabredetes Kind bringt mehr als ein großer Geburtstag. Und eine einzige feste Freundschaft genügt völlig.
Sollen Eltern sich in Streit unter Kindern einmischen?
Beim Streit eher nicht, denn das Aushandeln ist die eigentliche Übung. Die Grenze verläuft beim Gefälle, nicht beim Streit: Wenn immer dasselbe Kind nachgibt, ausgeschlossen oder ausgelacht wird, ist es kein Streit mehr. Wiederholte einseitige Ausgrenzung geht selten von allein weg und gehört mit der Kita oder Schule besprochen.
Welches Kinderbuch über Freundschaft passt zu welchem Alter?
Für Drei- bis Sechsjährige eines, in dem zwei gemeinsam etwas tun, denn in diesem Alter ist Freundschaft vor allem geteiltes Tun. Ab etwa sieben trägt ein Buch, in dem die Freundschaft einen Bruch übersteht. Ab neun kommen Vertrauen und Geheimnisse dazu, und damit auch die Kränkung, wenn beides verletzt wird.
Quellen
- 1.BZgA / kindergesundheit-info.de: Schritte in der sozialen Entwicklung.Belegt: Ab etwa drei Jahren nehmen Kinder selbstständig Kontakt auf und schließen erste Freundschaften; gegen Ende des vierten Lebensjahres entwickelt sich die Perspektivübernahme; solche Freundschaften können Monate bis Jahre halten.
- 2.Dorsch, Lexikon der Psychologie (Hogrefe): Freundschaft, Entwicklung im Kindesalter.Belegt: Die Stufen des Freundschaftsverständnisses nach Selman, von der Augenblicksfreundschaft über die Schönwetter-Kooperation bis zum vertrauten Austausch, und ihre Bindung an die Perspektivübernahme.
- 3.Heidbrink, H.: Freundschaftsbeziehungen. Journal für Psychologie.Belegt: Freundschaft als freiwillige Beziehung unter Gleichen und die Abgrenzung zu Beziehungen mit Machtgefälle.
- 4.Larsen, N. E., Lee, K. & Ganea, P. A. (2018): Do storybooks with anthropomorphized animal characters promote prosocial behaviors in young children? Developmental Science 21(3). Englischsprachig.Belegt: Vorschulkinder gaben nach einer Teilen-Geschichte mit menschlichen Figuren messbar mehr ab als nach derselben Geschichte mit vermenschlichten Tieren.
Alle Quellen abgerufen am 12. September 2026. Fehlt eine Angabe oder hat sich etwas geändert? Schreib uns: wir korrigieren und vermerken das Datum.
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