Klassiker einordnen · Das kleine Gespenst
Das kleine Gespenst vorlesen: ab welchem Alter, und was dran ist an den Debatten
7 Min. Lesezeit4 Quellen

Um Otfried Preußler gibt es zwei Debatten, und sie werden ständig vermischt. Die eine betrifft Wörter, die 2013 in seinen Büchern geändert wurden. Die andere betrifft seine eigene Jugend im Nationalsozialismus und einen Roman von 1944.
Sachlich haben die beiden nichts miteinander zu tun. Unten stehen sie getrennt, dazu die Altersfrage. Wir empfehlen das Buch weder, noch raten wir davon ab.
Die Kurzfassung
- Ab 6 Jahren gibt der Thienemann Verlag an. Das Buch erschien am 1. August 1966, illustriert von F. J. Tripp.1
- 2013 wurden Wörter geändert, angestoßen von der Familie Preußler. Sie legte dem Verlag eine Liste von rund dreißig Stellen über drei Bücher vor: „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“ und „Der Räuber Hotzenplotz“.2
- Welche Wörter in genau diesem Buch geändert wurden, ist nicht dokumentiert. Für „Die kleine Hexe“ sind die Änderungen öffentlich bekannt, für „Das kleine Gespenst“ haben wir keine Aufstellung gefunden. Das ist eine Lücke, keine Entwarnung.
- Die Debatte um die Biografie ist eine andere und betrifft einen 1944 erschienenen Jugendroman. Sie wurde 2015 in der Forschung breiter wahrgenommen und 2023 öffentlich ausgetragen.3
Worum es geht
Ein freundliches Gespenst lebt seit zweihundert Jahren auf Burg Eulenstein und erwacht jede Nacht zur Geisterstunde. Sein größter Wunsch ist, die Welt einmal bei Tageslicht zu sehen. Als ein defekter Uhrmechanismus diesen Wunsch erfüllt, wird aus dem weißen Nachtgespenst ein schwarzes Taggespenst, und in der Stadt Eulenberg bricht Chaos aus. Am Ende helfen Kinder, die Ordnung wiederherzustellen.1
Die Konstruktion ist der Grund, warum das Buch seit 1966 funktioniert: Ein Wunsch geht in Erfüllung und stellt sich als das Falsche heraus. Das ist für Sechsjährige eine ungewöhnlich erwachsene Erfahrung, verpackt in eine Verwechslungskomödie.
Ab welchem Alter
Ab 6 Jahren laut Verlag.1 In der Praxis liegt das Vorlesealter darunter, weil die Kapitel als abgeschlossene Episoden gebaut sind und sich abends einzeln vorlesen lassen. Zum Selbstlesen ist es eher ein Buch für Sieben- bis Achtjährige.
Was gegen ein sehr frühes Vorlesen spricht, ist nicht die Sprache, sondern die Grundstimmung: Das Gespenst ist über weite Strecken unglücklich, missverstanden und wird gejagt. Manche Vierjährigen finden das lustig, andere beklemmend.
Die Wortänderungen von 2013
Im Januar 2013 kündigte der Thienemann Verlag an, in einer Neuausgabe von „Die kleine Hexe“ das Wort „Neger“ zu entfernen und weitere Begriffe zu ersetzen. Aus „Negerlein“ wurde „Messerwerfer“, aus „Hottentottenhäuptling“ ein „Seeräuber“, aus „Eskimofrauen“ wurden „Indianerinnen“, und das Wort „Zigeuner“ fiel weg.4
Wer das angestoßen hat, ist umstritten. Der damalige Verlagsleiter Klaus Willberg stellte es so dar, dass die Familie Preußler selbst die Änderungen initiiert und dem Verlag eine Liste von rund dreißig Stellen über drei Bücher hinweg vorgelegt habe. Er grenzte das ausdrücklich gegen den Zensurvorwurf ab: Sprache beeinflusse das Bewusstsein, und es sei nötig, Bücher dem sprachlichen Wandel anzupassen.2
Mehrere Medienberichte aus derselben Zeit stellen es anders dar: Der damals 89-jährige Preußler habe sich lange gewehrt und erst spät zugestimmt, mit angestoßen durch einen Leserbrief von Mekonnen Mesghena von der Heinrich-Böll-Stiftung. Beides schließt sich nicht aus, anfänglicher Widerstand und spätere eigene Initiative können zusammengehen. Wir geben beide Darstellungen wieder, weil wir den Widerspruch nicht auflösen konnten.
Für „Das kleine Gespenst“ selbst ist nur bekannt, dass es auf der Liste stand. Welche Stellen dort geändert wurden, haben wir nirgends dokumentiert gefunden. Wer eine Ausgabe von vor 2013 im Regal hat, kann also nicht ausschließen, auf etwas zu stoßen, das in der aktuellen Fassung nicht mehr steht.
Die Biografie des Autors, getrennt betrachtet
Dies betrifft nicht den Text von „Das kleine Gespenst“. Es betrifft die Person, und es wird oft mit der Wortdebatte in einen Topf geworfen, weil beides kurz nacheinander öffentlich wurde.
Otfried Preußler war als Jugendlicher Funktionsträger im Deutschen Jungvolk und wurde 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. 1944 erschien sein Jugendroman „Erntelager Geyer“, geschrieben als Siebzehn- oder Achtzehnjähriger. Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels kündigte ihn damals mit den Worten an: „Von den arbeitsreichen und fröhlichen Wochen des Ernteeinsatzes der Hitler-Jugend erzählt fesselnd und anschaulich ein Jungvolkführer.“3
Wie er damit umging. Ab Mitte der 1950er Jahre, nach seinen ersten Erfolgen als Kinderbuchautor, erwähnte er den Roman öffentlich nicht mehr. Als sein erstes Buch bezeichnete er stattdessen „Der kleine Wassermann“.3
Wie die Forschung ihn einordnet, ist uneins. Carsten Gansel verortet den Text in der Tradition der Jugendbewegung. Petra Josting kommt zu dem Ergebnis, der Roman sei „durchgängig von NS-Ideologemen durchzogen“. Beide Positionen stehen nebeneinander.3
Der zeitliche Ablauf, weil er häufig falsch erzählt wird: Preußler starb im Februar 2013. Breiter wahrgenommen wurde „Erntelager Geyer“ in der Forschung erst 2015. Eine öffentliche Kontroverse entstand 2023, unter anderem als ein bayerisches Gymnasium versuchte, seinen Namen abzulegen.3
Was wir bewusst nicht schreiben: In manchen Darstellungen steht eine NSDAP-Mitgliedschaft ab 1941. Wir haben sie in der fachwissenschaftlichen Quelle, die wir selbst nachgelesen haben, nicht gefunden, und geben sie deshalb nicht wieder.
Häufig gefragt
Ab welchem Alter ist Das kleine Gespenst geeignet?
Der Thienemann Verlag gibt ab 6 Jahren an. Vorlesen geht oft früher, weil die Kapitel abgeschlossene Episoden sind. Selbst lesen eher mit sieben oder acht. Manchen jüngeren Kindern macht dabei weniger die Sprache zu schaffen als die Grundstimmung: Das Gespenst ist über weite Strecken unglücklich und wird gejagt.
Wurden in Das kleine Gespenst Wörter geändert?
Das Buch stand 2013 auf einer Liste von rund dreißig Stellen, die die Familie Preußler dem Thienemann Verlag für drei Bücher vorlegte. Welche Stellen in diesem Buch betroffen waren, ist öffentlich nicht dokumentiert; bekannt sind nur die Änderungen in „Die kleine Hexe“. Eine Ausgabe von vor 2013 kann also abweichen.
Was hat es mit Otfried Preußler und dem Nationalsozialismus auf sich?
Er war als Jugendlicher Funktionsträger im Deutschen Jungvolk und veröffentlichte 1944 den Jugendroman „Erntelager Geyer“, angekündigt im Börsenblatt als Erzählung eines Jungvolkführers über den Ernteeinsatz der Hitler-Jugend. Ab Mitte der 1950er Jahre erwähnte er das Buch nicht mehr. Die Forschung ist uneins darüber, wie stark der Text ideologisch geprägt ist. Mit dem Inhalt von „Das kleine Gespenst“ hat das nichts zu tun.
Hängen die beiden Debatten zusammen?
Nein, und das wird oft verwechselt. Die Wortänderungen wurden im Januar 2013 angekündigt, kurz vor Preußlers Tod im Februar desselben Jahres. Sein Jugendroman von 1944 wurde erst 2015 in der Forschung breiter wahrgenommen, die öffentliche Kontroverse darüber entstand 2023. Zwei verschiedene Vorgänge, acht bis zehn Jahre auseinander.
Quellen
- 1.Thienemann Verlag: Produktseite Das kleine Gespenst, ISBN 978-3-522-11080-8.Belegt: Erstausgabe 1. August 1966, Illustrationen F. J. Tripp, Altersempfehlung ab 6 Jahren, Inhaltsangabe.
- 2.BuchMarkt (23.01.2013): Klaus Willberg zu den Reaktionen auf die sprachliche Modernisierung der kleinen Hexe.Belegt: Darstellung des Verlagsleiters, die Änderungen seien von der Familie Preußler angestoßen worden; die Liste von rund dreißig Stellen über „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“ und „Der Räuber Hotzenplotz“; die Abgrenzung gegen den Zensurvorwurf.
- 3.kinderundjugendmedien.de: Die Preußler-Kontroverse 2023.Belegt: Erscheinungsjahr 1944 von „Erntelager Geyer“; der Wortlaut der Börsenblatt-Ankündigung; Preußlers öffentliches Schweigen über den Roman ab Mitte der 1950er Jahre; die Forschungspositionen von Carsten Gansel und Petra Josting; die Kontroverse 2023 samt dem Versuch eines bayerischen Gymnasiums, den Namen abzulegen.
- 4.taz: Diskriminierende Sprache bei Preußler, Die kleine Hexe, ohne Rassismus.Belegt: Die konkreten Wortänderungen in „Die kleine Hexe“ und der Zeitpunkt der Ankündigung im Januar 2013.
In eigener Sache
Ein Buch, in dem das eigene Kind vorkommt
Was „Das kleine Gespenst“ seit 1966 kann: Es nimmt einen Wunsch ernst, lässt ihn in Erfüllung gehen und zeigt, dass das nicht immer gut ausgeht. Bücher, die das aushalten, sind selten.
Bei Sagalino entsteht eine eigene Geschichte mit dem Namen des Kindes und in einem von dreizehn Illustrationsstilen. Die komplette Geschichte liest du gratis, bezahlt wird erst danach.
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