Sagalino

Klassiker einordnen · Pippi Langstrumpf

Pippi Langstrumpf vorlesen: ab welchem Alter, und was man wissen sollte

7 Min. Lesezeit5 Quellen

Illustration: aufgefächerte Kinderbuchklassiker in gebrauchten Leineneinbänden, eines aufgeschlagen

Wer heute eine Pippi-Ausgabe kauft, liest einen anderen Text als seine Eltern. Der Oetinger Verlag hat 2009 ein Wort ersetzt, und darüber wird bis heute gestritten, in beide Richtungen.

Unten steht, ab welchem Alter das Buch passt, worum es eigentlich geht, was genau geändert wurde und welche Kritik es daran gibt. Wir empfehlen das Buch weder, noch raten wir davon ab. Wir tragen zusammen, was Eltern wissen wollen, bevor sie es aufschlagen.

Hintergrund

Die Kurzfassung

  • Ab 6 Jahren gibt der Oetinger Verlag für die aktuelle Ausgabe an, zum Vorlesen wie zum Selbstlesen. Andere Formate desselben Verlags reichen von Pappbilderbuch ab 3 bis zur Erstleseausgabe ab 7.1
  • 2009 wurde das Wort geändert. Der Verlag ersetzte „Negerkönig“ durch „Südseekönig“ und strich zugleich das Wort „Zigeuner“. Davor stand seit etwa 1986 eine Fußnote im Buch, die den Begriff als „nicht mehr gebräuchlich“, aber „zeittypisch“ einordnete.2
  • Die große Debatte kam erst 2013, ausgelöst durch die Ankündigung des Thienemann Verlags, auch bei Otfried Preußler Wörter zu ändern. Pippi wurde dabei als bereits vollzogenes Beispiel mitdiskutiert.2
  • Die Kritik läuft in beide Richtungen. Die einen halten die Änderung für Textverfälschung, die anderen für zu wenig, weil die koloniale Rahmenhandlung unangetastet bleibt.3
Der Inhalt

Worum es geht, und warum das 1945 ein Skandal war

Pippi lebt allein in der Villa Kunterbunt, mit einem Affen und einem Pferd, ist übernatürlich stark, hat einen Koffer voller Goldstücke und lebt ohne jede Erwachsenenaufsicht nach eigenen Regeln. In episodischen Abenteuern mit den Nachbarskindern Tommy und Annika stellt sie Autorität spielerisch infrage.

Das Buch erschien 1945 in Schweden, die deutsche Ausgabe 1949 bei Friedrich Oetinger, übersetzt von Cäcilie Heinig. Es war das erste Buch, das Oetinger als Verleger überhaupt herausbrachte.

Pädagogik und Literaturkritik hielten Pippi zunächst für ein schlechtes Vorbild. Heute gilt das Buch als Meilenstein antiautoritärer Kinderliteratur und als frühes Gegenbild zur braven Mädchenfigur.4

Konkret

Ab welchem Alter

Die belastbarste Zahl ist die Verlagsangabe: ab 6 Jahren für die aktuelle Ausgabe, ausdrücklich zum Vorlesen wie zum Selbstlesen.1

Daneben gibt es beim selben Verlag stark abweichende Angaben, weil es das Material in sehr unterschiedlichen Formaten gibt: Pappbilderbuch ab 3, Bilderbuchfassung ab 4, vereinfachte Erstleseausgabe ab 7. Wer für ein Dreijähriges kauft, kauft also nicht denselben Text.

Praktisch heißt das: Vorlesen ab etwa fünf, wenn das Kind längere Episoden aushält. Selbst lesen frühestens mit sieben oder acht, weil die Vollausgabe sprachlich nicht vereinfacht ist.

Der Kern

Was genau geändert wurde, und was daran umstritten ist

Der Vorgang. 2009 ersetzte der Oetinger Verlag in Neuauflagen das Wort „Negerkönig“ durch „Südseekönig“ und entfernte das Wort „Zigeuner“. Möglich wurde das, nachdem die Rechteinhaber ausländischen Lizenznehmern textliche Anpassungen gestattet hatten. Eine wörtliche, datierte Stellungnahme der Erbengemeinschaft dazu haben wir nicht gefunden, und wir geben deshalb keine wieder.2

Was vorher im Buch stand. Seit etwa 1986 enthielten die deutschen Ausgaben eine Fußnote, die den Begriff als nicht mehr gebräuchlich, aber zeittypisch einordnete. Als rassistisch markiert wurde er darin nicht.2

Die Kritik an der Änderung. Sie lautet, ein ausgetauschtes Wort ändere nichts am kolonialen Denken der Erzählung selbst: Pippis Vater strandet auf einer Südseeinsel und wird dort König. Diese Konstruktion bleibt unverändert.2

Die Kritik am Original. Die Autorin Sharon Dodua Otoo argumentiert in dieselbe Richtung und zieht eine andere Schlussfolgerung: Der Rassismus stecke in der Grundgeschichte, nicht nur im Wort, die Änderung sei notwendig, aber unzureichend. Zugleich sieht sie einen Gewinn darin, dass die Debatte um dieses eine Wort in Deutschland überhaupt ein Gespräch über koloniales Erbe ausgelöst habe.3

Die Gegenposition, die in derselben Debatte vertreten wurde: Ein historischer Text sei ein historisches Dokument, und ihn zu glätten nehme Kindern und Eltern den Anlass, über den Unterschied zwischen 1945 und heute zu sprechen. Wir führen beide Positionen, weil beide vertreten werden.

Praxis

Was das fürs Vorlesen heißt

  • Neue Ausgaben ab 2009 enthalten „Südseekönig“. Wer heute im Laden kauft, bekommt diese Fassung.
  • Gebrauchte Ausgaben vor 2009 können das alte Wort enthalten oder die Fußnotenversion. Das ist der häufigste Fall, in dem Eltern unvorbereitet darauf stoßen, oft beim Vorlesen aus dem eigenen Kinderbuch von früher.
  • Unabhängig von der Wortfassung bleibt die Rahmenhandlung dieselbe. Ein Kind, das fragt, warum Pippis Vater dort König sein darf, stellt genau die richtige Frage. Der Text selbst beantwortet sie nicht.
Fragen

Häufig gefragt

Ab welchem Alter ist Pippi Langstrumpf geeignet?

Der Oetinger Verlag gibt für die aktuelle Vollausgabe ab 6 Jahren an, zum Vorlesen wie zum Selbstlesen. Vorlesen funktioniert oft schon ab fünf, weil die Kapitel als abgeschlossene Episoden gebaut sind. Selbst lesen eher ab sieben oder acht. Für jüngere Kinder gibt es eigene Pappbilderbuch- und Bilderbuchfassungen ab 3 beziehungsweise 4 Jahren, die aber einen stark gekürzten Text haben.

Wurde das Wort „Negerkönig“ wirklich geändert?

Ja. Der Oetinger Verlag ersetzte es 2009 in Neuauflagen durch „Südseekönig“ und strich zugleich das Wort „Zigeuner“. Davor stand seit etwa 1986 eine Fußnote im Buch, die den Begriff als zeittypisch einordnete. Gebrauchte Ausgaben von vor 2009 enthalten je nach Auflage noch die alte Formulierung oder die Fußnotenfassung.

Ist Pippi Langstrumpf rassistisch?

Darüber wird gestritten, und beide Seiten meinen etwas anderes. Unstrittig ist, dass das Buch von 1945 ein Wort enthielt, das heute als rassistisch gilt und inzwischen ersetzt wurde. Umstritten ist, ob damit genug getan ist: Kritik lautet, die Rahmenhandlung sei kolonial geprägt, weil Pippis Vater auf einer Südseeinsel König wird, und daran ändere ein einzelnes Wort nichts. Die Gegenposition hält den Eingriff in einen historischen Text für falsch.

Wann kam die Debatte in Deutschland auf?

Die Änderung selbst fand 2009 statt und wurde kaum wahrgenommen. Breite öffentliche Aufmerksamkeit entstand erst 2013, ausgelöst durch die Ankündigung des Thienemann Verlags, auch in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ Wörter zu ändern. Pippi wurde in dieser Debatte als bereits vollzogenes Beispiel mitverhandelt.

Belege

Quellen

  1. 1.Verlag Friedrich Oetinger: Produktseite Pippi Langstrumpf, ISBN 9783789114465.Belegt: Altersempfehlung ab 6 Jahren für die aktuelle Vollausgabe; Cäcilie Heinig als Übersetzerin.
  2. 2.TraLaLit, Magazin für übersetzte Literatur (2022): Geliebt, geändert, kritisiert, die Übersetzung von Pippi Langstrumpf.Belegt: Jahr der Wortänderung durch Oetinger (2009); die vorherige Fußnotenlösung ab etwa 1986; der Beginn der breiten deutschen Debatte 2013 im Zuge der Preußler-Ankündigung; die Kritik, dass ein Wortaustausch die koloniale Rahmenhandlung unberührt lässt.
  3. 3.taz (Interview mit Sharon Dodua Otoo): Autorin über Rassismus in Kinderbüchern, Pippi und der Kolonialismus.Belegt: Die Position, dass der Rassismus in der Grundgeschichte steckt und die Wortänderung notwendig, aber unzureichend ist; zugleich der Hinweis auf die Debatte als Gewinn.
  4. 4.kinderundjugendmedien.de: Werkeintrag Pippi Langstrumpf.Belegt: Inhalt und Aufbau; die anfängliche Kritik von Pädagogik und Literaturkritik; die heutige Einordnung als Meilenstein antiautoritärer Kinderliteratur.
  5. 5.Germersheimer Übersetzerlexikon (UeLEX): Eintrag Cäcilie Heinig.Belegt: Deutsche Erstausgabe 1949 bei Oetinger; Übersetzung durch Cäcilie Heinig; die Kette der Überarbeitungen desselben Textes 1957, 1965, 1986, 1988, 1999 und 2009 statt einer Neuübersetzung.

In eigener Sache

Wenn die Heldin den Namen des eigenen Kindes trägt

Was Pippi seit 1945 kann und was kaum ein anderes Buch schafft: Ein Kind sieht jemanden, der die Regeln nicht befolgt und damit durchkommt. Diese Erfahrung lässt sich nicht herstellen, man kann sie nur vorlesen.

Bei Sagalino entsteht eine eigene Geschichte, in der das Kind selbst die Hauptrolle spielt, mit seinem Namen und in einem von dreizehn Illustrationsstilen. Die komplette Geschichte liest du gratis, bezahlt wird erst danach.

Ansehen, was wir machen
Weiterlesen

Verwandte Artikel

Im Überblick: alle Artikel, die Entwicklungsthemen, alle Namen von A bis Z, alle Kunststile und alle Anlässe.