Sagalino

Orientierung · Wimmelbuch

Wimmelbücher: ab welchem Alter, und was sie wirklich können

9 Min. Lesezeit10 Quellen5 Bücher

Illustration: aufgefächerte großformatige Bilderbücher, zwei davon aufgeschlagen mit einer dicht bevölkerten gemalten Stadtszene über die Doppelseite

Ein Wimmelbuch hat keinen Text. Das ist der Punkt, an dem viele Eltern zögern: Was soll man damit vorlesen? Die Antwort ist, dass man nicht vorliest, sondern fragt, und genau darin liegt der Unterschied zu fast jedem anderen Bilderbuch.

Unten steht, ab wann ein Wimmelbuch etwas bringt, woran man ein gutes erkennt, und was die Forschung zum vielzitierten Wortschatzeffekt tatsächlich hergibt. Vorweg das Wichtigste daran: Gemessen wurde nie das Buch, sondern das Gespräch davor.

Hintergrund

Die Kurzfassung

  • Ab zwei Jahren. Der Gerstenberg Verlag empfiehlt die bekannteste Reihe, die Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner, ab zwei Jahren; einzelne Bände der Reihe sind mit „ab 3 Jahren“ und „empfohlen für 2 bis 6 Jahre“ ausgezeichnet.
  • Das Genre ist deutsch und über fünfzig Jahre alt. Ali Mitgutschs „Rundherum in meiner Stadt“ erschien 1968 bei Ravensburger und bekam 1969 den Deutschen Jugendbuchpreis, den Vorläufer des heutigen Deutschen Jugendliteraturpreises.
  • Der Wortschatzeffekt ist belegt, aber kleiner als behauptet. Eine deutsche Studie mit 201 Vorschulkindern fand Effekte auf Erzählverständnis und Wortschatz. Die Autoren selbst nennen sie „klein und überwiegend kurzfristig“.
  • Gemessen wurde das Gespräch, nicht das Buch. Alle belastbaren Studien untersuchen dialogisches Lesen, also den Erwachsenen, der Fragen stellt. Ein Wimmelbuch, das allein im Regal liegt, tut nichts.
Empfehlungen

Fünf Wimmelbücher, die es wirklich gibt

Jeder Titel über Verlagsseite geprüft. Zwei weitere Titel, die in der Recherche auftauchten, stehen bewusst nicht hier, weil sich Jahr und ISBN zwischen den Quellen widersprachen.

  1. 01

    Rundherum in meiner Stadt

    Ali Mitgutsch · Ravensburger, 1968 · ca. 2 bis 4 Jahre

    Das Gründungswerk des Genres und 1969 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Wer wissen will, wovon alle anderen abstammen, fängt hier an.

  2. 02

    Winter-Wimmelbuch

    Rotraut Susanne Berner · Gerstenberg · ab 2 Jahren

    Erster Band der Reihe aus der erfundenen Stadt Wimmlingen. Die Figuren kehren über die Bände hinweg wieder, und genau das macht das Verfolgen einer Person über Seiten zur eigentlichen Beschäftigung.

  3. 03

    Mein Wimmelbuch: Unsere große Stadt

    Ali Mitgutsch · Ravensburger · 2 bis 4 Jahre

    Städtischer Alltag über die Jahreszeiten, als Pappbilderbuch. Robust genug für Zweijährige, die noch mit der ganzen Hand blättern.

  4. 04

    Mein großes Kindergarten-Wimmelbuch

    Sandra Reckers · Thienemann-Esslinger, 2025 · ab 3 Jahren

    Begleitet den Kita-Einstieg und zeigt Kindheit in ihrer heutigen Vielfalt. Nützlich, wenn der Übergang gerade ansteht.

  5. 05

    Mein Tag Wimmelbuch

    Caryad · Wimmelbuchverlag, 2018 · vom Verlag nicht angegeben

    Ein Tagesablauf als Pappbilderbuch, mit mehreren fortlaufenden Geschichten nebeneinander. Der Verlag macht keine Altersangabe, deshalb steht hier auch keine.

Hintergrund

Ein Kinderpsychologe, ein Auftrag, ein neues Genre

Ali Mitgutsch, 1935 in München geboren, veröffentlichte 1968 bei Ravensburger „Rundherum in meiner Stadt“. Das Buch gilt als Gründungswerk des modernen Wimmelbuchs. Ein Jahr später erhielt es den Deutschen Jugendbuchpreis, wie der Arbeitskreis für Jugendliteratur in seinem Personenverzeichnis ausweist.

Den Anstoß gab nach Darstellung der deutschsprachigen Wikipedia der Kinderpsychologe Kurt Seelmann, der Mitgutsch bat, Bilder zu malen, auf denen viel zu sehen ist. Wir geben das als Darstellung wieder, nicht als gesicherte Tatsache: Eine zweite, schwächer belegte Quelle nennt stattdessen einen Amtsleiter des Münchner Stadtjugendamts, und wir konnten nicht klären, ob damit dieselbe Person in anderer Funktion gemeint ist.

Bemerkenswert ist, dass Mitgutsch das Wort „Wimmelbuch“ für seine eigenen Bücher ablehnte. Er sprach lieber von sich selbst erzählenden Bilderbüchern. Er starb am 10. Januar 2022 im Alter von 86 Jahren.

Die bekannteste Reihe der Gegenwart stammt von Rotraut Susanne Berner: die Jahreszeiten-Wimmelbücher aus der erfundenen Stadt Wimmlingen, erschienen bei Gerstenberg. Berner bekam 2006 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr illustratorisches Gesamtwerk und 2016 den Hans-Christian-Andersen-Preis, die höchste internationale Auszeichnung für Kinderbuchillustration.

Konkret

Ab welchem Alter, und was ein Kind dann damit macht

Eine allgemeingültige Altersgrenze für das ganze Genre haben wir in keiner Fachquelle gefunden, und das sollte man wissen, bevor man einer Zahl im Netz glaubt. Was es gibt, sind Angaben zu einzelnen Titeln und zur Methode.

  • Ab 2 Jahren empfiehlt der Gerstenberg Verlag die Jahreszeiten-Reihe von Berner, einzelne Bände ab 3, andere mit der Spanne 2 bis 6 Jahre.
  • Ab 3 bis 5 Jahren liegen die Einstufungen, die die Stiftung Lesen für konkrete Titel vergeben hat: „Wimmelbuch Zeitreise“ ab etwa 3, „Wer wohnt denn da im tiefen Wald?“ ab etwa 4, „Das große Wimmelbuch der Kunst“ ab etwa 5 Jahren.
  • 2 bis 6 Jahre ist die Spanne, für die das Bundesprogramm BiSS die Methode des dialogischen Lesens beschreibt, mit einer Staffelung: Zwei- bis Dreijährige beantworten W-Fragen, also wer, was und wo. Ab vier kommen Warum-Fragen und eigene Erzählimpulse dazu.

Praktisch heißt das: Mit zwei zeigt ein Kind und benennt. Mit vier erzählt es, was die Figur wohl gerade vorhat. Mit sechs verfolgt es eine Figur über mehrere Seiten und merkt, dass ihre Geschichte weitergeht, während man umblättert.

Belege

Der Wortschatzeffekt, nüchtern betrachtet

„Wimmelbücher fördern den Wortschatz“ steht auf vielen Verlagsseiten. Die Behauptung hat einen wahren Kern und eine Einschränkung, die fast nie mitgeliefert wird.

Der wahre Kern. Grolig, Cohrdes, Tiffin-Richards und Schroeder untersuchten 2020 in einer cluster-randomisierten Studie 201 deutsche Vorschulkinder mit einem Durchschnittsalter von fünf Jahren und fünf Monaten. Sie fanden positive Effekte auf das Erzählverständnis und auf Wortschatztiefe und -breite. Der Effekt auf das schlussfolgernde Verständnis hielt fünf Monate an.

Die Einschränkung, im Wortlaut der Autoren. Sie beschreiben die Effekte als klein und überwiegend kurzfristig. Das ist keine Auslegung von uns, das steht so in ihrer eigenen Zusammenfassung.

Und die zweite Einschränkung, die schwerer wiegt. Die Studie untersuchte textlose Bilderbücher und die Methode des dialogischen Lesens, nicht das Wimmelbuch als Format. Eine Studie, die ausdrücklich Wimmelbücher zum Gegenstand hat, haben wir nicht gefunden. Wimmelbücher sind eine Unterart textloser Bilderbücher, die Übertragung ist also plausibel, aber sie ist eine Übertragung.

Was aus beiden Studien klar hervorgeht: Gemessen wurde das Gespräch. Der Erwachsene, der fragt, ist der wirksame Teil. Ein Wimmelbuch allein im Kinderzimmer erzeugt keinen dieser Effekte.

Orientierung

Woran man ein gutes Wimmelbuch erkennt

Eine veröffentlichte Jurykriterienliste speziell für Wimmelbücher gibt es nicht, auch nicht beim Deutschen Jugendliteraturpreis. Was es gibt, sind Merkmale, die Fachstellen und die Gattungsbeschreibung übereinstimmend nennen:

  1. Dichte, die nicht erschlägt. Die Stiftung Lesen lobt an einem empfohlenen Titel ausdrücklich, dass die Darstellung trotz der Detailfülle nicht erschlagend wirke und einen Zugang im eigenen Tempo ermögliche. Das ist der Unterschied zwischen voll und überladen.
  2. Figuren, die man verfolgen kann. Dieselbe Person taucht auf mehreren Doppelseiten wieder auf, und ihre kleine Geschichte geht weiter. Berners Wimmlingen ist genau darauf gebaut.
  3. Erzählte Miniaturen statt bloßer Anhäufung. Gute Wimmelbilder enthalten kleine Handlungen, nicht nur Gegenstände: jemand verliert etwas, jemand sucht, jemand ärgert sich.
  4. Kein Text. Die Textlosigkeit gehört zur Bauform. Sobald ein Text vorgibt, was zu sehen ist, hört das Fragen auf.
  5. Ein Format, das zwei Menschen aushält. Wimmelbücher werden zu zweit angeschaut, mit dem Finger. Ein zu kleines Buch macht das unmöglich.
Praxis

Was man fragt, wenn nichts dasteht

Das BiSS-Programm staffelt die Fragen nach Alter, und die Staffelung ist der ganze Trick:

  • Zwei bis drei Jahre: Wer ist das? Was macht die? Wo ist der Hund? Benennen und Zeigen, mehr nicht.
  • Vier bis sechs Jahre: Warum weint der Junge? Was glaubst du, passiert als Nächstes? Erzähl mir, was hier los ist.
  • Auf jeder Stufe: die eigene Antwort abwarten lassen. Wer die Frage selbst beantwortet, hat wieder vorgelesen.

Ein zweiter Kniff, der bei Reihen funktioniert: dieselbe Figur auf der nächsten Doppelseite suchen. Daraus entsteht die Erfahrung, dass eine Geschichte weitergeht, auch wenn niemand sie erzählt.

Fragen

Häufig gefragt

Ab welchem Alter ist ein Wimmelbuch sinnvoll?

Eine Grenze für das ganze Genre gibt es nicht. Der Gerstenberg Verlag empfiehlt die bekannteste Reihe ab zwei Jahren, die Stiftung Lesen hat einzelne Titel ab etwa drei, vier und fünf Jahren eingestuft. Die Methode des gemeinsamen Fragens beschreibt das Bundesprogramm BiSS für zwei- bis sechsjährige Kinder. Mit zwei zeigt und benennt ein Kind, ab vier erzählt es selbst.

Fördern Wimmelbücher wirklich den Wortschatz?

Teilweise. Eine deutsche Studie mit 201 Vorschulkindern fand Effekte auf Erzählverständnis und Wortschatz, nennt sie aber selbst klein und überwiegend kurzfristig. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Untersucht wurden textlose Bilderbücher allgemein, nicht Wimmelbücher im Besonderen, und gemessen wurde das dialogische Lesen, also der Erwachsene, der Fragen stellt. Ein Wimmelbuch allein im Regal bewirkt nichts davon.

Was macht man mit einem Buch ohne Text?

Fragen statt vorlesen, und die Antwort abwarten. Bei Zwei- bis Dreijährigen sind es Wer-, Was- und Wo-Fragen, ab vier kommen Warum-Fragen und eigene Erzählimpulse dazu. Ein zweiter Weg ist, dieselbe Figur auf der nächsten Doppelseite zu suchen. Daraus entsteht die Erfahrung, dass eine Geschichte weitergeht, auch wenn sie niemand erzählt.

Woran erkennt man ein gutes Wimmelbuch?

An vier Dingen: Die Seite ist dicht, aber nicht überladen; dieselben Figuren kehren auf mehreren Doppelseiten wieder, sodass man ihnen folgen kann; im Bild passieren kleine Handlungen statt bloßer Ansammlungen von Gegenständen; und das Format ist groß genug, dass zwei Menschen gleichzeitig hineinschauen können.

Wer hat das Wimmelbuch erfunden?

Als Gründungswerk gilt „Rundherum in meiner Stadt“ von Ali Mitgutsch, 1968 bei Ravensburger erschienen und 1969 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Mitgutsch selbst mochte das Wort Wimmelbuch nicht und sprach lieber von sich selbst erzählenden Bilderbüchern.

Belege

Quellen

  1. 1.Stiftung Lesen / vorleseideen.de: Wimmelbücher. Viel Spaß beim Vorlesen und Ausprobieren (2021).Belegt: Altersangaben für einzelne empfohlene Titel (ab ca. 3, 4 und 5 Jahren); Qualitätsmerkmal, dass die Detailfülle nicht erschlagend wirken und einen Zugang im eigenen Tempo ermöglichen soll.
  2. 2.BiSS-Transfer (Bildung durch Sprache und Schrift, gefördert von BMBF und KMK): Dialogisches Lesen, dialogische Bilderbuchbetrachtung.Belegt: Altersspanne 2 bis 6 Jahre; Staffelung der Fragetechnik: W-Fragen mit 2 bis 3 Jahren, Warum-Fragen und Erzählimpulse ab 4.
  3. 3.Grolig, L., Cohrdes, C., Tiffin-Richards, S. P. & Schroeder, S. (2020): Narrative dialogic reading with wordless picture books, a cluster-randomized intervention study. Early Childhood Research Quarterly 51, 191–203. Englischsprachig.Belegt: 201 deutsche Vorschulkinder, Durchschnittsalter 5;5 Jahre; Effekte auf Erzählverständnis sowie Wortschatztiefe und -breite; Wirkung auf schlussfolgerndes Verständnis nach fünf Monaten noch nachweisbar; Einordnung der Autoren als klein und überwiegend kurzfristig.
  4. 4.Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V.: Personeneintrag Ali Mitgutsch.Belegt: Deutscher Jugendbuchpreis 1969 für „Rundherum in meiner Stadt“.
  5. 5.Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V.: Personeneintrag Rotraut Susanne Berner.Belegt: Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises 2006 für das illustratorische Gesamtwerk.
  6. 6.Gerstenberg Verlag: Die Welt der Wimmlinger von Rotraut Susanne Berner.Belegt: Altersempfehlungen der Reihe: „ab 2 Jahren“, „ab 3 Jahren“ und „empfohlen für 2 bis 6 Jahre“; die erfundene Stadt Wimmlingen als gemeinsamer Schauplatz.
  7. 7.Rossipotti Literaturlexikon: Ali Mitgutsch.Belegt: Mitgutschs Ablehnung des Begriffs Wimmelbuch für die eigenen Bücher zugunsten von „sich selbst erzählenden Bilderbüchern“.
  8. 8.Ravensburger: Produktseite Mein Wimmelbuch, Unsere große Stadt.Belegt: Titel, Verlag und Altersempfehlung 2 bis 4 Jahre.
  9. 9.Thienemann-Esslinger: Produktseite Mein großes Kindergarten-Wimmelbuch, ISBN 978-3-480-23925-2.Belegt: Titel, Autorin, Verlag, Jahr 2025 und Altersempfehlung ab 3 Jahren.
  10. 10.Wimmelbuchverlag: Produktseite Mein Tag Wimmelbuch.Belegt: Titel, Verlag, Jahr 2018; keine Altersangabe des Verlags.

In eigener Sache

Und wenn das Kind selbst im Bild sein soll

Die Frage, die zu diesem Thema am häufigsten gestellt wird, lautet, ob es Wimmelbücher gibt, in denen das eigene Kind vorkommt. Es gibt sie, von mehreren Anbietern, und von uns bisher nicht. Ein Wimmelbild ist technisch etwas anderes als eine illustrierte Buchseite: ein durchgehendes Bild über die volle Doppelseite, in einer Auflösung, die das Hineinzoomen aushält.

Was es bei uns heute gibt, ist eine erfundene Geschichte, in der das Kind die Hauptrolle spielt, mit dem eigenen Namen und in einem von dreizehn Illustrationsstilen. Die komplette Geschichte liest du gratis, bezahlt wird erst danach.

Ansehen, was wir machen
Weiterlesen

Verwandte Artikel

Im Überblick: alle Artikel, die Entwicklungsthemen, alle Namen von A bis Z, alle Kunststile und alle Anlässe.