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Klassiker einordnen · Harry Potter

Harry Potter: ab welchem Alter, und was heute diskutiert wird

8 Min. Lesezeit13 Quellen

Illustration: aufgefächerte Kinderbuchklassiker in gebrauchten Einbänden, eines aufgeschlagen

Die häufigste Elternfrage zu Harry Potter lautet „ab welchem Alter“, und die Antwort des Verlags fällt kürzer aus, als viele erwarten: Carlsen empfiehlt alle sieben Bände ab 10 Jahren. Für jeden Band dieselbe Zahl.

Die Bände selbst sind sehr verschieden. Der erste hat 336 Seiten und geht glimpflich aus. Der fünfte hat 960 Seiten, und darin stirbt eine Figur, die Kinder ins Herz schließen. Unten steht, wie sich das staffeln lässt, worum es geht, und welche drei Debatten um die Reihe laufen, die in Elternforen ständig durcheinandergeraten.

Hintergrund

Die Kurzfassung

  • Ab 10 Jahren empfiehlt Carlsen, und zwar für alle sieben Bände gleich. Eine nach Band gestaffelte Empfehlung gibt es beim Verlag nicht.
  • Erschienen 1997 bis 2007. Vom ersten zum fünften Band wächst der Umfang von 336 auf 960 Seiten. Alle sieben Bände zusammen haben 4.192 Seiten.
  • Drei getrennte Debatten: das Angstpotenzial der späteren Bände, die Äußerungen der Autorin zu trans Personen, und die ältere religiös begründete Kritik an Zauberei.
Der Inhalt

Worum es geht

Harry wächst bei Verwandten auf, die ihn im Schrank unter der Treppe schlafen lassen. An seinem elften Geburtstag erfährt er, dass er ein Zauberer ist, dass seine Eltern ermordet wurden und dass er an eine Schule gehört, von der er nie gehört hat. Ab da erzählt jeder Band ein Schuljahr in Hogwarts.

Mit jedem Jahr geht es weniger um Zauberei und mehr darum, wie sich Menschen unter Druck verhalten. Wer wegsieht. Wer mitmacht, weil es bequemer ist. Wer lügt, um sich zu schützen. Am Ende steht ein Krieg, in dem Jugendliche Entscheidungen treffen müssen, die Erwachsene ihnen nicht abnehmen.

Das ist der Grund, warum die Reihe Kinder über sieben Jahre hinweg hält: Sie wächst ungefähr in dem Tempo mit, in dem ihre Leser älter werden. Und genau das macht die Altersfrage so knifflig, denn ein Kind, das mit acht anfängt, ist bei Band 5 selten reif genug für Band 5.

Konkret

Ab welchem Alter, Band für Band

Was der Verlag sagt: Carlsen empfiehlt die Reihe ab 10 Jahren. Wir haben die Produktseiten aller sieben Bände einzeln geprüft. Auf jeder steht dieselbe Angabe, auch beim Feuerkelch und beim Orden des Phönix. Auf der Einstiegsseite des Verlags heißt es zusätzlich, ab 10 eigne sich die Reihe zum Selberlesen und zum gemeinsamen Vorlesen, auch schon für jüngere Kinder.

Was der Verlag nicht sagt: wie sich die Bände voneinander unterscheiden. Die Seitenzahlen deuten es an. Band 1 hat 336 Seiten, Band 2 hat 352, Band 3 hat 448, Band 4 hat 704, Band 5 hat 960, Band 6 hat 640 und Band 7 hat 752. Zwischen Band 3 und Band 4 verändert sich also mehr als nur der Umfang.

Eine gestaffelte Einschätzung gibt es beim Elternratgeber FLIMMO, allerdings zu den Verfilmungen. FLIMMO empfiehlt die ersten beiden Filme ab 9 Jahren, den dritten ab 11, und stuft den vierten bis siebten als „nichts für Kinder“ ein. Zum dritten Teil heißt es, jüngeren Kindern könnten die furchterregenden Gestalten und die düstere Stimmung zu viel werden. Zum vierten Teil, die Begegnung mit Voldemort am Ende sei sehr belastend.

Filme wirken unmittelbarer als Text, weil ein Kind beim Lesen selbst bestimmt, wie laut und wie groß die Bilder im Kopf werden. Eins zu eins lässt sich das also nicht übertragen. Als Reihenfolge der Belastung ist es brauchbar, und es ist die einzige gestaffelte Angabe von einer Stelle, die Kinder beruflich im Blick hat.

Unsere praktische Lesart, und das ist unsere Einschätzung ohne Verlagsdeckung: Vorlesen von Band 1 und 2 funktioniert ab etwa acht, weil man dabei anhalten und erklären kann. Selbst lesen passt zu Carlsens Angabe, also ab zehn. Ab Band 4 reicht Lesefähigkeit nicht mehr aus, da geht es um Verarbeiten, und elf bis zwölf ist realistischer. Band 5 bis 7 sind Bücher für Jugendliche.

Der häufigste Fehler besteht darin, alle sieben Bände als Geschenkpaket ins Regal zu stellen. Kinder lesen dann durch, weil das Buch danebensteht. Wer die Reihe einzeln nachliefert, behält die Staffelung in der Hand.

Debatte 1

Das Angstpotenzial der späteren Bände

Die Reihe wird dunkler, und sie tut es an einer klar benennbaren Stelle. Bis Band 3 endet jedes Schuljahr mit einem überstandenen Rätsel. In Band 4 stirbt ein Mitschüler, und der Gegenspieler bekommt einen Körper. Von da an gibt es Folter, Verrat unter Freunden und Tote, die vorher über Jahre liebgewonnen wurden.

Das ist der eigentliche Grund für die Altersfrage, und es ist der am wenigsten strittige Punkt. Keine Seite dieser Debatte behauptet, Band 5 sei für Achtjährige gedacht. Gestritten wird darüber, ob ein bestimmtes Kind so weit ist, und das entscheidet niemand aus der Ferne.

Woran man es merkt: Kinder, die nach dem Lesen schlecht einschlafen, die nach dem Ende fragen, bevor sie in der Mitte sind, oder die anfangen, Szenen nachzuspielen, um sie loszuwerden. Das sind keine Alarmzeichen, das sind Hinweise, dass eine Pause zwischen zwei Bänden gut wäre.

Debatte 2

Die Haltung der Autorin

Was gesagt wurde: J. K. Rowling hat sich ab 2020 wiederholt öffentlich zu Geschlecht und zu den Rechten von trans Personen geäußert. Am 10. Juni 2020 veröffentlichte sie auf ihrer eigenen Website einen ausführlichen Text dazu. Darin beschreibt sie das biologische Geschlecht als materielle Wirklichkeit, die von Geschlechtsidentität zu unterscheiden sei, und äußert Sorge um Schutzräume für Frauen. Der Text steht bis heute dort. Wer wissen will, was sie vertritt, liest ihn im Original und nicht in der Zusammenfassung Dritter.

Wer widersprochen hat: unter anderem die Hauptdarsteller der Verfilmungen. Daniel Radcliffe veröffentlichte am 8. Juni 2020 eine Stellungnahme bei The Trevor Project, einer US-Organisation für queere Jugendliche, die mit dem Satz „Transgender women are women“ beginnt. Er entschuldigt sich darin bei Leserinnen und Lesern, denen die Debatte das Buch verleidet hat, und hält fest, das Verhältnis zwischen einem Menschen und einem Buch, das ihm etwas bedeutet hat, gehöre diesem Menschen allein.

Was das für eine Familie heißt, entscheiden die Eltern. Die Wege, die wir kennen, gehen weit auseinander: weiter kaufen, aus der Bibliothek leihen, gebraucht kaufen, mit einem älteren Kind darüber sprechen, oder die Reihe weglassen. Wir haben hier keine Empfehlung und geben deshalb auch keine.

Sauber getrennt gehört dazu: Es geht um Äußerungen der Autorin außerhalb der Bücher. In den sieben Romanen selbst kommt das Thema nicht vor. Wer beides zusammenwirft, diskutiert am Ende über zwei verschiedene Fragen gleichzeitig.

Debatte 3

Die ältere Kritik an der Zauberei

Bevor über die Autorin gestritten wurde, wurde über Magie gestritten. In den USA war Harry Potter die am häufigsten beanstandete Lektüre ihres Jahrzehnts: Die American Library Association führt die Reihe auf Platz 1 ihrer Liste der hundert am häufigsten angefochtenen Bücher von 2000 bis 2009. Angefochten heißt dort, dass jemand formell die Entfernung aus einer Schule oder Bibliothek verlangt hat.

Auch im deutschsprachigen Raum gab es diese Kritik. Kardinal Joseph Ratzinger schrieb 2003 an die Publizistin Gabriele Kuby, die zwei Bücher gegen Harry Potter veröffentlicht hatte, und bestärkte sie in ihrer Warnung vor subtilen Verführungen. Aus einzelnen evangelischen Gemeindebüchereien wurden die Bände entfernt.

Diese Debatte ist weitgehend vorbei. Das katholische Portal katholisch.de beschreibt heute selbst, wie sich die kirchliche Bewertung verschoben hat, bis hin zu Lesarten, die in den Romanen Freundschaft, Opferbereitschaft und Verantwortung als christlich anschlussfähige Motive finden. Wer die Kritik von damals im Netz findet, sollte auf das Datum schauen.

Fragen

Häufig gefragt

Ab welchem Alter ist Harry Potter geeignet?

Carlsen empfiehlt die Reihe ab 10 Jahren, und diese Angabe steht unverändert auf der Produktseite jedes einzelnen Bandes. Der Verlag staffelt also nicht. Praktisch trägt die Empfehlung gut für die Bände 1 bis 3. Ab Band 4 geht es weniger um Lesefähigkeit als um Verarbeiten, dafür sind elf bis zwölf Jahre realistischer, und die Bände 5 bis 7 sind Bücher für Jugendliche.

Kann man die ersten Bände schon einem Achtjährigen vorlesen?

Beim Vorlesen funktioniert es früher als beim Selbstlesen, weil man anhalten, erklären und weglassen kann. Für Band 1 und 2 halten wir etwa acht Jahre für machbar, und Carlsen weist selbst darauf hin, dass sich die Reihe zum gemeinsamen Lesen auch für jüngere Kinder eignet. Der Haken kommt danach: Ein Kind, das mit acht angefangen hat, will mit neun Band 4, und Band 4 ist ein anderes Buch.

Ab welchem Band wird es zu düster?

Der Bruch liegt zwischen Band 3 und Band 4. Bis dahin endet jedes Schuljahr mit einem überstandenen Rätsel. In Band 4 stirbt ein Mitschüler, der Gegenspieler kehrt körperlich zurück, und von da an gehören Folter, Verrat und der Tod vertrauter Figuren zur Handlung. Der Elternratgeber FLIMMO empfiehlt die Verfilmung von Band 3 ab 11 Jahren und stuft die Filme ab Band 4 als nichts für Kinder ein.

Wie gehen Familien mit der Debatte um die Autorin um?

Sehr unterschiedlich, und das ist ihr gutes Recht. J. K. Rowling hat sich ab 2020 wiederholt zu Geschlecht und zu den Rechten von trans Personen geäußert, nachzulesen in ihrem eigenen Text vom Juni 2020. Daniel Radcliffe hat dem öffentlich widersprochen. Manche Familien kaufen weiter, manche leihen in der Bibliothek, manche sprechen mit älteren Kindern darüber, manche lassen die Reihe weg. Eine Empfehlung geben wir hier nicht.

Belege

Quellen

  1. 1.Carlsen Verlag: HARRY POTTER-FAQ.Belegt: Altersempfehlung ab 10 Jahren für die gesamte Reihe, die Seitenzahlen aller sieben Bände (336, 352, 448, 704, 960, 640, 752) und der Erscheinungszeitraum 1997 bis 2007.
  2. 2.Carlsen Verlag: Produktseite „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (Band 1).Belegt: Die Altersangabe ab 10 Jahren auf der Bandseite selbst, stellvertretend für die Produktseiten aller sieben Bände, die wir einzeln geprüft haben.
  3. 3.Carlsen Verlag: Produktseite „Harry Potter und der Orden des Phönix“ (Band 5).Belegt: Dass auch der umfangreichste und dunkelste Band beim Verlag dieselbe Altersangabe ab 10 Jahren trägt.
  4. 4.Carlsen Verlag: Starting Harry Potter.Belegt: Der Hinweis des Verlags, die Reihe eigne sich ab 10 Jahren zum Selberlesen und zum gemeinsamen Vorlesen, auch schon für jüngere Kinder.
  5. 5.FLIMMO: „Harry Potter und der Stein der Weisen“.Belegt: Die Empfehlung ab 9 Jahren für die Verfilmung des ersten Bandes.
  6. 6.FLIMMO: „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“.Belegt: Die Empfehlung ab 11 Jahren und die Begründung, jüngeren Kindern könnten die furchterregenden Gestalten und die düstere Stimmung zu viel werden.
  7. 7.FLIMMO: „Harry Potter und der Feuerkelch“.Belegt: Die Einstufung „nichts für Kinder“ ab dem vierten Teil und die Begründung, die Begegnung mit Voldemort am Ende sei sehr belastend.
  8. 8.FLIMMO: „Harry Potter und der Orden des Phönix“.Belegt: Dass auch der fünfte Teil als „nichts für Kinder“ eingestuft ist. Dieselbe Einstufung haben wir für den sechsten und den siebten Teil geprüft.
  9. 9.FLIMMO: „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2“.Belegt: Die Einstufung „nichts für Kinder“ für den letzten Teil, also das Ende der von FLIMMO bewerteten Reihe.
  10. 10.J. K. Rowling: J. K. Rowling Writes about Her Reasons for Speaking out on Sex and Gender Issues, 10. Juni 2020.Belegt: Die Position der Autorin im Wortlaut und aus erster Hand, einschließlich Datum der Veröffentlichung.
  11. 11.The Trevor Project: Daniel Radcliffe Responds to J.K. Rowling’s Tweets on Gender Identity, 8. Juni 2020.Belegt: Der Widerspruch von Daniel Radcliffe im Wortlaut, sein Satz „Transgender women are women“ und seine Aussage an die Leserinnen und Leser der Bücher.
  12. 12.American Library Association, Office for Intellectual Freedom: Top 100 Most Frequently Challenged Books 2000 bis 2009.Belegt: Platz 1 der Harry-Potter-Reihe unter den am häufigsten angefochtenen Büchern des Jahrzehnts in den USA.
  13. 13.katholisch.de: Religion, das Böse und der Tod bei Harry Potter.Belegt: Der Brief von Kardinal Joseph Ratzinger an Gabriele Kuby aus dem Jahr 2003, die Entfernung von Bänden aus evangelischen Gemeindebüchereien und die spätere Verschiebung der kirchlichen Bewertung.

In eigener Sache

Eine Geschichte, die dem eigenen Kind gehört

Was die Reihe seit 1997 kann: Sie wächst mit. Ein Kind beginnt mit einer Internatsgeschichte und steht sieben Bände später vor Fragen, die Erwachsene auch nicht schnell beantworten. Deshalb halten diese Bücher so lange.

Bei Sagalino entsteht eine eigene Geschichte mit dem Namen des Kindes und in einem von dreizehn Illustrationsstilen. Die komplette Geschichte liest du gratis, bezahlt wird erst danach.

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