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Klassiker einordnen · Wo die wilden Kerle wohnen

Wo die wilden Kerle wohnen: ab welchem Alter, und macht es Angst?

5 Min. Lesezeit3 Quellen

Illustration: aufgefächerte Kinderbuchklassiker in gebrauchten Einbänden, eines aufgeschlagen

Vierzig Seiten, sehr wenig Text und drei Doppelseiten ganz ohne Worte. Trotzdem ist dieses Buch eines der umstrittensten der Kinderliteraturgeschichte, und die Frage, die Eltern heute stellen, ist dieselbe wie 1963: Macht das meinem Kind Angst?

Unten steht, ab welchem Alter es trägt, worum es geht, und wie der berühmteste Verriss dieses Buches zustande kam. Die Pointe daran erzählt fast niemand.

Hintergrund

Die Kurzfassung

  • Ab 4 Jahren empfiehlt Diogenes, 40 Seiten, deutsche Erstausgabe 1967 in der Übersetzung von Claudia Schmölders.
  • Original 1963, ausgezeichnet mit der Caldecott Medal 1964, der wichtigsten amerikanischen Bilderbuchauszeichnung.
  • Die Kontroverse betrifft die Wirkung, nicht die Sprache. Vorgeworfen wurde dem Buch, Kindern Angst zu machen.
Der Inhalt

Worum es geht

Max tobt im Wolfspelz durch das Haus, wird von seiner Mutter ein wildes Tier genannt und ohne Abendessen ins Bett geschickt. In seinem Zimmer wächst ein Wald, ein Meer kommt dazu, und Max segelt zu den wilden Kerlen. Die brüllen, fletschen die Zähne und machen ihn zum König.

Dann folgt der wilde Rumpus, drei Doppelseiten ganz ohne Text, nur Bilder. Danach schickt Max die wilden Kerle selbst ohne Abendessen ins Bett, wird einsam und fährt zurück. In seinem Zimmer steht das Abendessen, und es ist noch warm.

Der letzte Satz ist der Grund, warum dieses Buch bleibt. Niemand entschuldigt sich, niemand erklärt etwas, und trotzdem ist alles wieder in Ordnung.

Konkret

Ab welchem Alter, und macht es Angst?

Diogenes empfiehlt ab 4 Jahren. Den Ausschlag gibt dabei das Thema und nicht die Textmenge: Wut, die so groß wird, dass sie einen woanders hinbringt. Vierjährige kennen dieses Gefühl.

Zur Angstfrage: Die wilden Kerle sind groß, haben Zähne und Krallen, und sie werden auf ganzen Seiten gezeigt. Manche Dreijährige finden das unheimlich, und das ist kein Grund, das Buch wegzulegen, sondern ein Grund, es später noch einmal zu versuchen.

Bemerkenswert ist, wie das Buch die Angst auflöst: Die wilden Kerle sind nie eine echte Gefahr. Max beherrscht sie ab der ersten Begegnung, und zwar durch Anschauen. Wer die Angst des eigenen Kindes vor Monstern kennt, findet hier die freundlichste Version davon, die es im Bilderbuch gibt.

Einordnung

Der berühmteste Verriss, und wie er zustande kam

Das Buch war sofort erfolgreich und bekam 1964 die Caldecott Medal. Gleichzeitig galt es vielen als zu beängstigend für Kinder, und es wurde in einigen Bibliotheken aus dem Bestand genommen, teils auch wegen des fehlenden erhobenen Zeigefingers.

1969 schrieb Bruno Bettelheim, damals einer der bekanntesten Kinderpsychologen der Welt, in seiner Kolumne im Ladies' Home Journal, das Buch löse bei Kindern Verlassenheitsangst aus. Sendak verstehe nicht, welche ungeheure Angst es in einem Kind auslöse, ohne Abendessen ins Bett geschickt zu werden, und das ausgerechnet durch die Person, die Essen und Sicherheit gibt.

Die Pointe: Bettelheim hat später eingeräumt, das Buch nicht gelesen zu haben. Der Vorwurf hing Sendak trotzdem jahrzehntelang an, und er hat sich noch 2009 öffentlich darüber geäußert.

Was daraus folgt, und was nicht. Es folgt nicht, dass die Angstfrage unberechtigt wäre. Manche Kinder finden die wilden Kerle unheimlich, und das entscheidet sich am einzelnen Kind und nicht an einer Kolumne von 1969. Es folgt aber, dass die Autorität hinter dem bekanntesten Urteil über dieses Buch dünner war, als sie fünfzig Jahre lang gewirkt hat.

Fragen

Häufig gefragt

Ab welchem Alter ist Wo die wilden Kerle wohnen geeignet?

Diogenes empfiehlt ab 4 Jahren. Der Grund ist das Thema und nicht die Textmenge: Wut, die so groß wird, dass sie einen woanders hinbringt. Vierjährige kennen dieses Gefühl. Manche Dreijährige finden die wilden Kerle unheimlich, dann lohnt ein zweiter Versuch ein Jahr später.

Macht das Buch Kindern Angst?

Manchen ja, für einen Moment. Die wilden Kerle sind groß, haben Zähne und Krallen und füllen ganze Seiten. Auffällig ist aber, wie das Buch die Angst auflöst: Sie sind nie eine echte Gefahr, Max beherrscht sie ab der ersten Begegnung, und zwar nur durch Anschauen. Für Kinder mit Angst vor Monstern ist das eine der freundlichsten Fassungen dieses Themas.

Warum war das Buch so umstritten?

Es galt vielen als zu beängstigend und wurde in einigen Bibliotheken aus dem Bestand genommen, teils auch, weil es keine Moral formuliert. 1969 schrieb Bruno Bettelheim, einer der damals bekanntesten Kinderpsychologen, es löse Verlassenheitsangst aus, weil Max ohne Abendessen ins Bett geschickt wird. Bettelheim hat später eingeräumt, das Buch nicht gelesen zu haben.

Worum geht es eigentlich?

Max tobt, wird ohne Abendessen ins Bett geschickt, und in seinem Zimmer wächst ein Wald. Er segelt zu den wilden Kerlen, wird ihr König, feiert mit ihnen den wilden Rumpus über drei textlose Doppelseiten, schickt sie dann selbst ins Bett und fährt zurück. Zu Hause steht das Abendessen, und es ist noch warm. Niemand entschuldigt sich, und trotzdem ist alles wieder in Ordnung.

Belege

Quellen

  1. 1.Diogenes Verlag: Produktseite „Wo die wilden Kerle wohnen“.Belegt: Altersempfehlung ab 4 Jahren, 40 Seiten, deutsche Erstausgabe 1967, Übersetzung von Claudia Schmölders.
  2. 2.Wikipedia: Where the Wild Things Are. Englischsprachig.Belegt: Erstausgabe 1963 bei Harper & Row, Caldecott Medal 1964, die Kritik als zu beängstigend und die Entfernung aus Bibliotheksbeständen.
  3. 3.Slate (2009): Where the Wild Things Are author Maurice Sendak and Bruno Bettelheim. Englischsprachig.Belegt: Bettelheims Kolumne von 1969 im Ladies' Home Journal im Wortlaut, sein späteres Eingeständnis, das Buch nicht gelesen zu haben, und Sendaks Umgang damit bis 2009.

In eigener Sache

Eine Geschichte, die dem eigenen Kind gehört

Was dieses Buch seit 1963 kann: Es nimmt die Wut eines Kindes ernst, ohne sie zu bewerten, und bringt es danach heim, ohne dass jemand etwas erklären muss. Das Abendessen ist noch warm. Mehr Versöhnung braucht es nicht.

Bei Sagalino entsteht eine eigene Geschichte mit dem Namen des Kindes und in einem von dreizehn Illustrationsstilen. Die komplette Geschichte liest du gratis, bezahlt wird erst danach.

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