Klassiker einordnen · Das Sams
Das Sams: ab welchem Alter, und warum es darauf drei Antworten gibt
6 Min. Lesezeit9 Quellen

Wer nach dem Alter für das Sams sucht, bekommt schnell eine Zahl geliefert. Das Problem ist, dass es mehrere gibt, und dass sie nebeneinander auf den Seiten des Verlags stehen.
Unten steht, welche Zahl wozu gehört, was die drei Ausgaben desselben Stoffs unterscheidet, und woran man merkt, dass ein Kind so weit ist. Der Unterschied liegt weniger im Inhalt als in der Textmenge.
Die Kurzfassung
- Zwei Zahlen auf einer Seite. Auf der Verlagsseite zu „Eine Woche voller Samstage“ steht am Titel die Angabe „ab 6 Jahren“, im Beschreibungstext derselben Seite dagegen: „spricht das Buch Kinder ab 7 Jahren an“. Beides ist Oetinger.
- Denselben Stoff gibt es dreimal. Als Roman von 1973 mit 160 Seiten, als Erstlesebuch „Das Sams und die Wunschmaschine“ mit 64 Seiten und Silbenmethode, und seit August 2026 als Bilderbuch „Wie das Sams zu Herrn Taschenbier kam“ mit 32 Seiten und der Angabe „ab 4 Jahren“.
- Zwölf Bände, und die Reihe läuft. Der erste erschien am 1. Februar 1973, der zwölfte im September 2024. Paul Maar, geboren 1937, hat den Text geschrieben und die Originalausgabe selbst illustriert.
- Es gibt zwei Bildfassungen desselben Romans. Seit 2017 verkauft Oetinger denselben Text parallel mit neuen Illustrationen von Nina Dulleck. Wer die Bilder seiner eigenen Kindheit sucht, muss auf die ISBN achten.
Worum es geht
Herr Taschenbier ist schüchtern, lässt sich von seiner Vermieterin und seinem Chef alles gefallen und traut sich nichts. An einem Samstag steht ein Wesen vor ihm, das ihn Papa nennt, blaue Punkte im Gesicht trägt und sich nichts gefallen lässt. Jeder Punkt ist ein Wunsch.
Das Buch erzählt eine Woche, und jeder Tag trägt seinen Namen als Wortspiel: Am Sonntag Sonne, am Montag Herr Mon, am Dienstag Dienst, am Mittwoch die Wochenmitte, am Donnerstag Donner, am Freitag frei. Wenn eine Woche so verläuft, kommt am Samstag ein Sams.
Was Kinder daran packt, ist nicht die Wunschmaschine. Es ist, dass eine Figur ausspricht, was der Erwachsene neben ihr sich nicht traut, und dass sie damit durchkommt.
Welche Zahl wozu gehört
Ab 4 Jahren, das Bilderbuch. „Wie das Sams zu Herrn Taschenbier kam“ erzählt auf 32 Seiten die erste Begegnung, mit Bildern von Stephanie Stickel. Das ist eine eigene Fassung, kein gekürzter Roman, und für Vierjährige die einzige der drei, die funktioniert.
Ab 6 Jahren, das Erstlesebuch. „Das Sams und die Wunschmaschine“ hat 64 Seiten und arbeitet mit der Silbenmethode, richtet sich also an Kinder, die gerade selbst zu lesen beginnen. Die Altersangabe hängt hier am Lesestand, nicht am Verständnis.
Ab 6 oder ab 7, der Roman. Hier widerspricht sich der Verlag. Vorlesen lässt sich das Buch gut ab sechs, weil die Kapitel kurz sind und jeder Tag eine abgeschlossene Episode bildet. Zum Selberlesen sind 160 Seiten am Stück für die meisten Sechsjährigen zu viel, und dann passt die Sieben besser.
Nach oben hält das Buch länger, als die Zahlen vermuten lassen. Die Sprachspiele sind der eigentliche Reiz, und die erkennt ein Kind mit acht oder neun deutlich besser als mit sechs.
Worüber diskutiert wird
Braucht es zwölf Bände? Das ist der offenste Streitpunkt. Zu Band acht schrieb eine Rezension im Deutschlandfunk Kultur 2015: „Dieses Sams-Buch ist eines zu viel!“ Schon 1996 warnte ein Kritiker, ab Band vier drohe die Reihe in eine Familienidylle abzurutschen. Andere Rezensionen loben dieselben Bände. Für das Vorlesen heißt das vor allem: Der erste Band steht für sich, man muss nicht weiterkaufen.
Wie ist Herr Taschenbier zu verstehen? Die Literaturwissenschaft ist sich uneinig. Eine Lesart deutet ihn psychoanalytisch, mit dem Sams als Verkörperung dessen, was er sich verbietet. Eine andere sieht in ihm von Anfang an einen Mann, der Gewalt in der Erziehung selbstverständlich ablehnt, und damit ein für 1973 ungewöhnliches Vorbild.
Und was mit der Sprache ist. Bei Otfried Preußler wurden 2013 einzelne Begriffe geändert, was eine große Debatte auslöste. Beim Sams hat es nichts Vergleichbares gegeben; wir haben gezielt danach gesucht und nichts gefunden. Was es gibt, ist eine bildliche Neufassung von 2017, also ein Illustrationswechsel ohne Eingriff in den Text.
Zeitgebunden ist der Anfang trotzdem. Im ersten Kapitel verteilt sich die Hausarbeit so, wie sie sich in den Fünfzigern und Sechzigern verteilte. Beim Vorlesen fällt das Kindern selten auf, Erwachsenen schon.
Häufig gefragt
Ab welchem Alter ist das Sams geeignet?
Das hängt an der Ausgabe. Das Bilderbuch „Wie das Sams zu Herrn Taschenbier kam“ ist mit „ab 4 Jahren“ ausgezeichnet, das Erstlesebuch mit „ab 6 Jahren“, und beim Roman von 1973 nennt Oetinger auf derselben Seite sowohl „ab 6 Jahren“ als auch „ab 7 Jahren“. Zum Vorlesen passt der Roman ab etwa sechs, zum Selberlesen eher ab sieben.
Warum stehen zwei verschiedene Altersangaben auf einer Verlagsseite?
Die Angabe am Titel und der Beschreibungstext werden offenbar getrennt gepflegt. Praktisch bildet die Abweichung den echten Unterschied zwischen Vorlesen und Selberlesen ab, auch wenn sie so nicht gemeint sein dürfte.
Wie viele Sams-Bücher gibt es?
Zwölf nummerierte Romane, von „Eine Woche voller Samstage“ 1973 bis „Das Mini-Sams ist weg“ von 2024. Dazu kommen Bilderbuch- und Erstlesefassungen, die den Stoff für jüngere Kinder aufbereiten.
Welche Ausgabe hat die Bilder, die ich als Kind kannte?
Die Originalausgabe hat Paul Maar selbst illustriert. Seit 2017 gibt es denselben Text parallel mit Bildern von Nina Dulleck. Wer die alten Bilder will, achtet auf die ISBN 978-3-7891-1952-1.
Muss man die Bände der Reihe nach lesen?
Nein. Der erste Band erzählt eine abgeschlossene Woche und funktioniert für sich. Ob die späteren Bände nötig sind, wird unter Rezensenten seit Jahren unterschiedlich beurteilt.
Quellen
- 1.Verlagsgruppe Oetinger: Das Sams 1. Eine Woche voller Samstage, Originalausgabe.Belegt: Erscheinungstermin 01.02.1973, 160 Seiten, ISBN 978-3-7891-1952-1, Text und Illustration von Paul Maar, und beide Altersangaben „ab 6 Jahren“ und „ab 7 Jahren“ auf derselben Seite.
- 2.Verlagsgruppe Oetinger: Eine Woche voller Samstage, Ausgabe mit Illustrationen von Nina Dulleck.Belegt: Die parallel lieferbare zweite Bildfassung desselben Textes, erschienen 2017.
- 3.Verlagsgruppe Oetinger: Wie das Sams zu Herrn Taschenbier kam, Bilderbuch.Belegt: Bilderbuchfassung mit Altersangabe „ab 4 Jahren“, 32 Seiten, Illustration Stephanie Stickel, erschienen 14.08.2026.
- 4.Verlagsgruppe Oetinger: Das Sams und die Wunschmaschine, Lesestarter.Belegt: Erstlesefassung mit Altersangabe „ab 6 Jahren“, 64 Seiten, zweite Lesestufe.
- 5.Verlagsgruppe Oetinger: Das Sams 12. Das Mini-Sams ist weg.Belegt: Der zwölfte Band der Reihe, erschienen am 13.09.2024.
- 6.Arbeitskreis für Jugendliteratur: Eine Woche voller Samstage.Belegt: Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 1974 in der Kategorie Kinderbuch.
- 7.Arbeitskreis für Jugendliteratur: Paul Maar.Belegt: Geburtsdatum 13. Dezember 1937 und der Sonderpreis für das Gesamtwerk beim Deutschen Jugendliteraturpreis 1996.
- 8.kinderundjugendmedien.de, germanistisches Fachportal: Interview mit Paul Maar, 2023.Belegt: Maars eigene Aussage, dass er die Sams-Figur zuerst für sein Theaterstück „Der König in der Kiste“ erfand und sie danach drei Jahre liegen ließ.
- 9.Verlagsgruppe Oetinger: Pressemappe 50 Jahre Das Sams.Belegt: Mehr als sechs Millionen verkaufte Exemplare im deutschsprachigen Raum und Übersetzungen in 30 Sprachen.
In eigener Sache
Wenn das Kind selbst die Punkte hätte
Was das Sams so haltbar macht, ist eine einfache Umkehrung: Ein Kind sagt laut, was der Erwachsene sich verkneift, und die Welt geht davon nicht unter. Sechsjährige erkennen diese Umkehrung sofort, weil sie sie täglich üben.
Bei uns entsteht dieselbe Bewegung mit dem eigenen Kind als Hauptfigur, mit seinem Namen und in einem von über zwanzig Illustrationsstilen. In Reimen wie bei Paul Maar schreiben wir nicht. Die komplette Geschichte liest du gratis, bezahlt wird erst danach.
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