Sagalino

Kunststil

Kinderbuch im Cordel-Holzschnitt

Schwarze Flächen, in die helle Linien geschnitten sind: Fell, Haar, Wasser, Äste. Der Stil geht auf die Holzschnitte zurück, die auf den Heften der Literatura de cordel aus Nordostbrasilien erschienen. Unsere Bilder sind eine heutige Kinderbuch-Interpretation davon.

Komplette Geschichte gratisStil bleibt im ganzen Buch gleicheBook 5,00 €

Beispielillustration im Stil Cordel-Holzschnitt
Kräftige Schwarz-Weiß-Kontraste und raue Schnittlinien: direkt und ausdrucksstark
Herkunft

Verserzählungen im Heft, Holzschnitt auf dem Titel

Literatura de cordel bezeichnet gedruckte Verserzählungen in kleinen Heften. Der Name stammt aus Portugal, wo solche Hefte auf Märkten an Schnüren aufgehängt wurden. In Brasilien entwickelte sich die Tradition ab dem späten 19. Jahrhundert, vor allem im Nordosten. Als Wegbereiter gilt der Dichter Leandro Gomes de Barros (1865–1918) aus Paraíba, dessen Heft von 1893 als das älteste bekannte brasilianische Cordel-Heft genannt wird. 2018 trug das Nationale Institut für historisches und künstlerisches Erbe (Iphan) die Literatura de cordel als immaterielles Kulturerbe ein, ausdrücklich auch mit den Holzschneidern. Die Tradition lebt also weiter.

Der Holzschnitt stand dabei nicht von Anfang an auf den Heften. Frühe Ausgaben trugen meist Zierleisten oder Metallklischees, die in den Druckereien ohnehin vorhanden waren. Vereinzelt tauchten Holzstock-Klischees ab 1907 auf. Die eigenständige Holzschnitt-Kunst des Nordostens entwickelte sich nach der Darstellung des Instituto Brasil Solidário ab den 1940er Jahren, weil sie ein einfaches und billiges Verfahren für Titelbilder bot. Viele Dichter schnitten ihre Druckstöcke nun selbst, zum Teil mit improvisierten Werkzeugen.

Das Handwerk folgt einer klaren Logik: Aus einem Holzblock wird alles herausgeschnitten, was im Druck hell bleiben soll. Die stehengebliebenen, erhabenen Flächen nehmen Farbe auf und werden aufs Papier gedruckt. Von einem Stock lassen sich beliebig viele Hefte bebildern. Typisch sind deshalb vereinfachte Figuren, kräftige Hell-Dunkel-Kontraste und Schnittspuren, die man im fertigen Druck noch sieht. Die Titelblätter sind häufig schwarz auf farbigem Papier gedruckt.

Seit den 1960er Jahren erreichte diese Bildsprache auch Ausstellungen, und ab den 1970ern verkauften Galerien Einzelblätter. Zu den Künstlern, die daraus eigene Werke machten, gehören J. Borges und Gilvan Samico.

Unsere Bilder übertragen diese Wirkung in eine heutige Kinderbuchillustration und bilden keinen bestimmten Holzschnitt nach. Wald, Fuchs und Laterne sind unsere Motivwahl für das Beispielbild, und der gelbe Akzent für Sonne und Lampenlicht ist eine Ergänzung von uns, keine Eigenschaft der Tradition. Gedruckt wird nichts: Das Bild entsteht digital und empfindet die Schnittlinien nach.

Wer diesen Stil geprägt hat

Namen, die dahinterstehen

  • Leandro Gomes de Barros

    Erste Cordel-Hefte ab 1893, darunter O Boi Misterioso, 1893

    Der Dichter aus Paraíba (1865–1918) gilt als Vater der Literatura de cordel und als Pionier, der das Dichten und Verkaufen von Heften zum Beruf machte.

  • J. Borges (José Francisco Borges)

    O Encontro de Dois Vaqueiros no Sertão de Petrolina

    Der Dichter und Holzschneider aus Bezerros, Pernambuco (1935–2024), ließ sein erstes Heft von Mestre Dila bebildern und schnitt danach seine Stöcke selbst; seine Blätter wurden international gezeigt.

  • Mestre Noza (Inocêncio Medeiros da Costa)

    Album Via Sacra, 1965

    Der Holzschneider aus Juazeiro do Norte (1897–1983) schuf zahlreiche Titelbilder für Cordel-Hefte; sein Album Via Sacra erschien 1965 in Paris.

  • Gilvan Samico

    A Mãe dos Homens, 1981

    Der Grafiker aus Recife (1928–2013) schuf streng komponierte Holzschnitte aus nordostbrasilianischen Legenden, deren Bildwelt an Cordel-Titelblätter erinnert.

Merkmale

Woran man einen Cordel-Holzschnitt erkennt

  • Schwarze Massen, in die helle Linien geschnitten sind, sichtbar auch innerhalb der Figuren: im Fell, im Haar, im Pullover, an Ästen und Blättern.
  • Schnittspuren mit leicht unregelmäßigen Kanten. Die Linien laufen spitz aus, wie vom Hohleisen gezogen.
  • Nur Schwarz auf cremefarbenem Papier, ohne Grautöne und ohne weiche Verläufe.
  • Flächen wie Wasser und Himmel entstehen aus Reihen waagerechter Schnitte statt aus Farbe.
  • Figuren erkennt man an geschnittenen Merkmalen: Haarform, Ohren, Schwanz, Muster der Kleidung. Der gelbe Akzent bei Sonne und Laterne ist eine Ergänzung von uns.
Wofür er sich eignet

Für welche Geschichten sich dieser Stil eignet

Der Cordel-Holzschnitt trägt Geschichten mit Wald, Tieren, Nacht, Reise und Abenteuer. Die kräftigen Flächen geben Szenen Spannung, und weil im Schwarz-Weiß keine Haut- und Haarfarbe zu sehen ist, erkennt man Figuren an geschnittenen Merkmalen: lockige Haare, spitze Ohren, ein Streifenpullover, eine Laterne in der Hand.

Vom Scherenschnitt unterscheidet er sich durch das, was innen passiert. Der Scherenschnitt lebt von der Silhouette, der Holzschnitt von sichtbaren Schnittlinien innerhalb der Figuren und Flächen. Weniger geeignet ist er für ruhige Einschlafgeschichten und für Szenen, in denen es auf feine Gesichtszüge ankommt, weil die dichte Schnittstruktur unruhiger wirkt als eine glatte Fläche.

Als grobe Orientierung eignet er sich ab etwa vier bis fünf Jahren, wenn Kinder gern lange hinschauen und Einzelheiten suchen. Das ist eine redaktionelle Einschätzung und keine Regel: Der starke Schwarz-Weiß-Kontrast ist für manche Kinder sehr anziehend, für andere zu viel.

Fragen

Gut zu wissen

Ist das ein echter Holzschnitt?

Die Bilder entstehen digital und ahmen die Wirkung eines Holzschnitts nach, ohne dass ein Druckstock geschnitten wird. Sie sind von den Holzschnitten der brasilianischen Cordel-Hefte inspiriert und eine freie Übertragung in die Kinderbuchillustration, keine Nachbildung einer bestimmten Vorlage.

Müssen die Motive brasilianisch sein?

Nein. Deine Geschichte bestimmt die Motive. Das Beispielbild zeigt einen Wald mit Fuchs und Laterne. Übernommen ist die Schnitttechnik mit den hellen Linien in den schwarzen Flächen.

Wo liegt der Unterschied zum Scherenschnitt?

Der Scherenschnitt arbeitet mit Silhouetten, also mit der Außenkontur einer Figur. Im Holzschnitt stehen helle Schnittlinien innerhalb der schwarzen Flächen, etwa im Fell oder im Haar. Die Figur hat damit eine sichtbare Binnenstruktur.

Ab welchem Alter passt dieser Stil?

Als grobe Orientierung ab etwa vier bis fünf Jahren. Der kräftige Kontrast und die dichte Schnittstruktur laden zum langen Betrachten ein, können aber auf sehr kleine Kinder unruhig wirken.

Bleibt der Stil im ganzen Buch gleich?

Ja. Alle 14 Doppelseiten entstehen im gewählten Stil, einschließlich Cover und Figurenporträt.

Belege
  1. 1.Instituto Brasil Solidário: Xilogravura, Fascículo 4 der Reihe „Cordel na Escola“. (auf Portugiesisch)Belegt: Leandro Gomes de Barros (1865–1918) und sein Heft von 1893, Zierleisten und Metallklischees auf frühen Titeln, Holzschnitt ab den 1940er Jahren, J. Borges und Mestre Dila, Ausstellungen ab den 1960ern, Samico (1928–2013) und der Movimento Armorial.
  2. 2.Agência Brasil: Literatura de cordel é reconhecida como patrimônio cultural do Brasil, 2018. (auf Portugiesisch)Belegt: Die Eintragung der Literatura de cordel als immaterielles Kulturerbe durch das Iphan am 19. September 2018, mit Holzschneidern unter den ausdrücklich genannten Trägern.
  3. 3.SESC São Paulo: Dos barbantes ao WhatsApp, 2018. (auf Portugiesisch)Belegt: Leandro Gomes de Barros als Vater der Literatura de cordel, seine ersten Hefte ab 1893 mit dem Titel O Boi Misterioso, Namensherkunft aus den Schnüren, an denen die Hefte verkauft wurden.
  4. 4.Prefeitura de São Paulo, Biblioteca Belmonte: Literatura de Cordel. (auf Portugiesisch)Belegt: Verbreitung der Literatura de cordel im Nordosten, Leandro Gomes de Barros als Patron, Titelblatt auf farbigem Papier mit Holzschnitt in Schwarz.
  5. 5.Prefeitura de São Paulo, Biblioteca Belmonte: Xilogravura na Biblioteca. (auf Portugiesisch)Belegt: Das Verfahren: Holz als Druckstock, mit Schneidewerkzeug bearbeitet, erhabene Stellen werden mit der Walze eingefärbt und aufs Papier gedruckt.
  6. 6.Fundação Clóvis Salgado: A criatividade e as histórias populares nas xilogravuras de Gilvan Samico. (auf Portugiesisch)Belegt: Samicos Holzschnitte, bei denen Teile entfernt werden, die keine Farbe annehmen sollen, seine Themen aus nordostbrasilianischen Legenden, die Wirkung der weißen Flächen, die Einladung in den Movimento Armorial 1971 und das Werk A Mãe dos Homens von 1981.
  7. 7.Diário de Pernambuco: Morre aos 88 anos o xilogravurista pernambucano J. Borges, Juli 2024. (auf Portugiesisch)Belegt: Lebensdaten von J. Borges (20. Dezember 1935 bis 26. Juli 2024, Bezerros), sein Beginn als Cordel-Verkäufer und Autor, das Heft O Encontro de Dois Vaqueiros no Sertão de Petrolina und die Zusammenarbeit mit Mestre Dila.
  8. 8.Blombo Art: Mestre Noza, Via Sacra. (auf Englisch)Belegt: Mestre Noza, geboren im September 1897 in Taquaritinga do Norte, gestorben am 21. Dezember 1983 in São Paulo, schnitt Titelbilder für Cordel-Hefte; das Album Via Sacra erschien 1965 in Paris.